
Krise der US-Demokratie
Demokraten haben die Arbeiterklasse verloren
Die Demokratische Partei hat den Kontakt zur Arbeiterschicht verloren und damit auch die Präsidentschaftswahl. Dies sei keine Überraschung, sagen prominente Kritiker wie Bernie Sanders und der Harvard-Philosoph Michael Sandel.
von Pietro Cavadini | 16. November 2024
«Es sollte niemanden überraschen, dass eine Demokratische Partei, welche die Arbeiterklasse im Stich gelassen hat, nun von der Arbeiterklasse im Stich gelassen wurde», sagt der unabhängige Senator Bernie Sanders in einem Interview mit dem Sender NBC. Die arbeitende Bevölkerung der USA sei zu Recht wütend. Im reichsten Land der Geschichte würden 60 Prozent von Lohnzahlung zu Lohnzahlung leben, während es den Menschen an der Spitze phänomenal gut gehe.
Verheerende soziale Ungleichheit
Die Zahlen, die Sanders nennt, sind in der Tat verheerend: Das reichste Prozent besitze mehr Vermögen als die unteren 90 Prozent. Ein Viertel der Senioren müsse mit 15’000 Dollar oder weniger pro Jahr auskommen. Die USA hätten eine der höchsten Kinderarmutsraten aller Industrieländer. Als einziges bedeutendes Land garantierten die Vereinigten Staaten keine Gesundheitsversorgung für alle Bürger.
Der Harvard-Philosoph Michael Sandel sieht die Gründe für die Entfremdung zwischen Demokraten und Arbeiterklasse in der neoliberalen Globalisierungspolitik der letzten Jahrzehnte. Beide Parteien hätten ein marktfreundliches Projekt vorangetrieben, das enorme Gewinne für die Spitze gebracht, die untere Hälfte der Bevölkerung aber mit stagnierenden Löhnen und ausgelagerten Jobs zurückgelassen habe.
Der Mythos vom sozialen Aufstieg
«Die Demokraten haben den Leuten gesagt: Wenn ihr im globalen Wettbewerb bestehen wollt, müsst ihr studieren. Was ihr verdient, hängt davon ab, was ihr lernt», erklärt Sandel. Darin stecke aber eine implizite Beleidigung: Wer es ohne Hochschulabschluss nicht schaffe, sei selbst schuld. Kein Wunder fühlten sich viele Arbeiter nicht nur wirtschaftlich abgehängt, sondern auch von den Eliten verachtet.
Der «amerikanische Traum» vom sozialen Aufstieg erweise sich zunehmend als Illusion. Die Aufstiegsraten zwischen den Generationen seien in den egalitäreren europäischen Ländern heute höher als in den USA. Ein starker Sozialstaat mit guter öffentlicher Bildung, Wohnungsbau und Gesundheitsversorgung schaffe erst die Stabilität, die Menschen den Aufstieg ermögliche.
Die Skyboxifizierung der Gesellschaft
Sandel beklagt eine «Skyboxifizierung» der amerikanischen Gesellschaft. Selbst in Sportstadien, einst Orte der Klassendurchmischung, sässen die einen in Luxuslogen, die anderen unten in den Rängen. Reich und Arm lebten zunehmend in getrennten Welten, schickten ihre Kinder auf verschiedene Schulen, kauften in anderen Läden ein.
«Das ist schlecht für die Demokratie», warnt der Philosoph. «Demokratie bedeutet mehr als nur Wählen. Es geht darum, ein gemeinsames Leben zu teilen, das uns daran erinnert, dass wir alle zusammen in einem Boot sitzen.» Die Erosion der öffentlichen Räume untergrabe das Gefühl der Gemeinsamkeit, das eine Demokratie brauche.
Die Linke muss Patriotismus neu definieren
Die Progressiven hätten einen Fehler gemacht, indem sie Patriotismus und Nationalstolz der Rechten überlassen hätten, kritisiert Sandel. Statt den Patriotismus ganz zu verwerfen, müssten die Demokraten eine progressive Vision von Gemeinschaft und nationalem Zusammenhalt entwickeln.
Dazu gehöre die Wiederbelebung der Zivilgesellschaft durch Investitionen in öffentliche Räume wie Parks, Verkehrsmittel, Bibliotheken und vor allem Schulen. Auch die Wirtschaftspolitik müsse neu ausgerichtet werden. Die Globalisierung habe die gegenseitige Abhängigkeit der Bürger eines Landes geschwächt. Eine «patriotische Wirtschaftspolitik» mit regionalen Lieferketten und der Förderung heimischer Industrien könne das Gefühl der nationalen Gemeinschaft stärken.
Bernie Sanders bringt es auf den Punkt: «Die Demokratische Partei muss sich fragen: Wenn Trump eine so grosse Gefahr für die Demokratie ist, wie wir sagen – warum zieht dann die Hälfte des Landes ihn unserem Angebot vor?» Diese Frage müssten die Demokraten beantworten, wenn sie künftig wieder erfolgreich sein wollten.
Michael Sandel (geb. 1953) ist einer der einflussreichsten politischen Philosophen der Gegenwart. Er lehrt an der Harvard University und wurde durch seine Vorlesung «Justice» bekannt, die online von Millionen Menschen gesehen wurde. In Büchern wie «Vom Ende des Gemeinwohls» und «Demokratie in der Krise» analysiert er die Schwächen der liberalen Demokratie.
Bernie Sanders (geb. 1941) ist der dienstälteste unabhängige Senator im US-Kongress und vertritt den Bundesstaat Vermont. Der selbsternannte demokratische Sozialist bewarb sich 2016 und 2020 erfolglos um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei. Mit seinen Forderungen nach einem Mindestlohn von 15 Dollar und einer allgemeinen Krankenversicherung prägt er den linken Flügel der Partei.