Die Qualen des «Sulzjoggi»

Das Gupta schildert die Ereignisse am 18. Januar 1747 in Luzern, wo Schmidlin «vor Goth verhört» wurde. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, er habe gepredigt, dass die Anrufung von Heiligen weder gut noch schlecht sei, dass man in allen Religionen selig werden könne und dass es genüge, seine Sünden demütig vor Gott zu bekennen, ohne einem Priester beichten zu müssen.

Der Artikel zeichnet ein düsteres Bild der damaligen Schweiz. Trotz der aufkommenden Aufklärung in Europa und den Fortschritten in anderen Ländern – von Friedrich II. von Preussen und Voltaire bis Benjamin Franklin – herrschten in der Schweiz Rückständigkeit, Aberglaube und drakonische Zustände. «Gemessen an der Einwohnerzahl wurden nirgendwo mehr Menschen wegen ‘Hexerei’ hingerichtet als in der Alten Eidgenossenschaft», zitiert Das Gupta den Schweizer Kirchenhistoriker Gregor Emmenegger.

Schmidlin war eine tragische Figur, ein Opfer religiöser Verfolgung und politischer Manipulation. Aber er war auch ein Symbol für die aufkommende Sehnsucht nach religiöser Freiheit und Toleranz, die er selbst zum Ausdruck brachte. «Man soll mich lassen, wie ich will. Jeder Mensch muss seine Seligkeit und Unsterblichkeit selbst suchen», wird Schmidlin in dem Artikel zitiert.

Das Gupta betont, dass Schmidlins Schicksal nicht isoliert betrachtet werden kann. Er wurde in eine Zeit religiöser und politischer Umbrüche hineingeboren, die die Schweiz nachhaltig prägten. Nach der Reformation von 1517 befanden sich die Schweizer Kantone in einem inneren Krieg, Katholiken und Protestanten lebten in gegenseitigem Misstrauen nebeneinander.

Schmidlin, so Emmenegger, sei damals in die Mühlen der Politik geraten. Er und sein Kollege David Neuhold haben Schmidlins Leben rekonstruiert und den Fall in seinen zeitlichen Kontext gestellt, um zu verstehen, wie ein einfacher Mann wie er in die Fänge der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit geraten konnte.

Ein Kapitel des Artikels konzentriert sich auf Schmidlins Kontakte zu den Pietisten, einer protestantischen Bewegung, die sich in Privathäusern traf, um zu beten und über den Glauben zu diskutieren. Dieser Kontakt mit einer alternativen Form des Glaubens, gepaart mit seinem eigenen Bibelstudium, scheint eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung seiner ungewöhnlichen und für seine Zeit höchst umstrittenen religiösen Ansichten gespielt zu haben.

Die Tatsache, dass Schmidlin trotz eines früheren Vorfalls, bei dem er bereits von den Behörden verhaftet worden war, weiterhin Gebetskreise organisierte und seine Ansichten verbreitete, zeugt von seiner Hingabe an seine Überzeugungen. Der Historiker Neuhold wird in dem Artikel mit den Worten zitiert: «Er zeigt Innovationspotenzial, das er aber nicht gegen das bestehende Frömmigkeitsprofil ausspielt». Offenbar war sich Schmidlin seiner politischen Bedeutung nicht bewusst. Ihm ging es nur darum, nach seiner Interpretation des Christentums zu leben.

Dass Schmidlin schliesslich verhaftet und verurteilt wurde, lag laut Gupta vor allem an der wachsenden Unzufriedenheit von Kirche und Staat mit seinen Aktivitäten und am Verrat eines alten Freundes. Bei seiner Verhaftung fand man auf seinem Hof pietistische Andachtsliteratur und einen «falschen» Katechismus. Es folgte die Verurteilung und Hinrichtung Schmidlins, die Das Gupta als Folge politischer Machtkämpfe in Luzern darstellt.

Die reformierten Kantone der Schweiz waren im 18. Jahrhundert nicht weniger hart als die katholischen: 1782 wurde Anna Göldi vom protestantischen Rat von Glarus gefoltert und enthauptet – sie war die letzte Frau in Europa, die als vermeintliche «Hexe» ihr Leben lassen musste.

Doch diese Ära der Grausamkeit gegen vermeintliche Ketzer endete abrupt. Als 1798 französische Truppen in die Schweiz einmarschierten, führte dies zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen. Mit der Ausrufung der Helvetischen Republik wurden die Menschenrechte gesetzlich verankert. Die Schandsäule wurde gestürzt und Schmidlins Sohn Balthasar rehabilitiert.

Heute erinnert ein Denkmal an der Sulzig an «Joggi». Anton Schwingruber, ein Nachbar, hat viel dazu beigetragen, die Erinnerung an ihn wach zu halten. Sein Engagement ist umso bemerkenswerter, als er ehemaliger Regierungspräsident des Kantons Luzern ist – und damit Nachfolger jener Obrigkeit, die Jakob Schmidlin einst als Ketzer verbrennen liess.