Lawrow über russische Diplomatie

Redaktion: Eine Frage, die ich schon lange stellen wollte: Wenn wir über die Kunst der russischen Diplomatie sprechen, wie würden Sie diese heute definieren? Es gibt dabei doch sicher eine gewisse Kunst?

Lawrow: Nun, die gibt es. Erstens ist dies in unseren Grundsatzdokumenten verankert, etwa im Konzept der Aussenpolitik. Dort ist die Aufgabe festgeschrieben, primär unsere nationalen Interessen zu wahren und dabei die Interessen anderer zu achten – vorausgesetzt, diese Länder sind bereit, mit uns gleichberechtigt und respektvoll nach einem Ausgleich zu suchen. Genau an diesem Respekt für gegenseitige Interessen mangelt es dem Westen kategorisch. Besonders jetzt sehen wir, wie die Trump-Administration offen erklärt, sie schere sich nicht um das Völkerrecht, sondern handle nach eigener Moral und eigenen Instinkten.

Daher sind nationale Interessen und gegenseitiger Respekt essenziell. Dazu gehören das Verständnis für die Bestrebungen des Gegenübers und die Fähigkeit, dessen legitime Ansätze zu begreifen. Und natürlich Pragmatismus: Diplomatie ist, wie jede Politik, die Kunst des Möglichen.

Landeskunde versus «Fast-Track»-Diplomatie

Redaktion: Das ist für uns alle wahnsinnig interessant. Verhandlungen finden ja hinter verschlossenen Türen statt. Wie läuft dieser Prozess ab? Worin besteht die Kunst? Geht es darum, den Partner zu durchschauen, ihn zu verstehen, oder vielleicht darum, etwas völlig Unerwartetes zu tun? Verraten Sie uns ein paar kleine Geheimnisse.

Lawrow: Wissen Sie, es gibt keine allgemeingültige Regel dafür, worin diese Kunst genau besteht. Jede Verhandlung ist individuell. Sie hängt massgeblich, wenn nicht gar entscheidend, von den Persönlichkeiten der Teilnehmer ab, von ihrer Bildung und davon, ob sie jene Qualitäten besitzen, die wir im russischen diplomatischen Dienst besonders schätzen: hervorragende Fremdsprachenkenntnisse, historisches Wissen sowie tiefe Kenntnisse über die Regionen und Länder, mit denen man sich befasst.

Bei den amerikanischen Unterhändlern sind diese Qualitäten in der Regel nicht zwingend erforderlich. Bei uns hingegen gehört die Landeskunde fest zur diplomatischen Ausbildung; man taucht tief in das Land, die Geschichte, die Kultur und die Region ein, für die man zuständig sein wird. Bei den Amerikanern ist das ganz anders. Zudem gehen unsere Diplomaten durchschnittlich für fünf Jahre in den Auslandseinsatz. Das ermöglicht es, sich einzuarbeiten, die Lage wirklich zu verstehen und über einen längeren Zeitraum fundierte Empfehlungen und Ideen zu liefern. Bei den Amerikanern dauert ein Einsatz meist nur zwei bis drei Jahre, und dann werden die Leute ausgewechselt. Man versetzt sie vielleicht von Indonesien in den Kongo, dann nach Guatemala und so weiter.

Das ist eben ihre Tradition und ein Merkmal ihres diplomatischen Dienstes, was wir respektieren. Aber für produktive Verhandlungen ist es natürlich sehr wichtig, die Materie tiefgehend zu verstehen. Das gilt besonders, wenn komplexe Probleme diskutiert werden, die eine jahrzehnte- oder gar jahrhundertelange Geschichte haben, wie etwa im Nahen Osten. Dort einfach alles übers Knie brechen zu wollen, nach dem Motto «Ich habe hier einen Vorschlag, stimmt schnell zu, bevor es zu spät ist», wird niemals funktionieren.

Der Wandel der Spielregeln und die Macht der Wahrheit

Redaktion: Wie empfinden Sie das, was gerade in der Welt passiert? Ist das etwas, das schon einmal geschehen ist? Bewegen wir uns, wie Marx sagte, einfach in einer Spirale und stossen von Zeit zu Zeit auf solchen Wahnsinn? Oder bricht da etwas völlig Neues über uns herein?

Lawrow: Nun, die Geschichte entwickelt sich tatsächlich in einer Spirale. Ein bekannter Ausspruch besagt, die Geschichte wiederhole sich als Farce. Man kann dazu stehen, wie man will, aber die gegenwärtige Situation ist ernst und bei weitem keine Farce. Trotz mancher äusserer Anzeichen einer Farce sind die Folgen dessen, was unsere amerikanischen Kollegen – in diesem Fall gemeinsam mit den Israelis – tun, äusserst schwerwiegend und werden noch sehr lange nachwirken.

Im Grossen und Ganzen erleben wir eine Phase, die uns in einer Spirale zurückführt in eine Welt, in der es keine verlässlichen Regeln gab: kein Völkerrecht, kein westfälisches System, kein Jalta-System, gar nichts. Es gilt das Prinzip «Might is Right» – Macht ist Recht. Wir hingegen glauben, dass die Wahrheit mächtiger ist als blosse Gewalt, wie es der Held eines bekannten Films einmal treffend ausdrückte.

Aber schauen Sie sich an, was jetzt passiert: Die Vereinigten Staaten haben offiziell erklärt, dass ihnen niemand Vorschriften zu machen habe. Sie kümmern sich nur um ihr eigenes Wohlergehen und sind bereit, dieses mit allen Mitteln zu verteidigen – sei es durch Staatsstreiche, die Ermordung von Staatschefs ressourcenreicher Länder oder durch Entführungen. Bei Ländern wie Venezuela oder dem Iran verhehlen unsere amerikanischen Kollegen nicht einmal mehr, dass es ihnen ums Öl geht. Sie verfolgen eine Doktrin der absoluten Dominanz auf den weltweiten Energiemärkten. So sind Lukoil und Rosneft unter die ersten grossen Sanktionen der Trump-Administration gefallen.

Die Erosion internationaler Rahmenbedingungen

Europa haben sie kategorisch abgeschnitten, wie man am Beispiel der Nord Stream-Pipelines sieht. Schon beim Bau forderten die Amerikaner, dass Europa darauf verzichten solle. Nun ist es so gekommen, dass Europa Nord Stream verweigert und Deutschland regelrecht gedemütigt wurde – was eigentlich jedem klar ist. Das Ergebnis? Jetzt kämpfen Länder wie Ungarn und die Slowakei mit letzter Kraft darum, ihre Wirtschaft durch erschwingliche Energieträger am Laufen zu halten. Doch man sagt ihnen: «Nein, kauft zum doppelten Preis, denn wir müssen Russland bestrafen.»

Das ist kein akzeptabler Ansatz für internationale Beziehungen. Es ist der Versuch, die Kolonialzeit zurückzuholen. Europa, das die Welt 500 Jahre lang durch Kolonialismus und Sklaverei beherrschte, versucht nun, einen Neokolonialismus zu etablieren. Brüssel diktiert Ländern wie Ungarn oder der Slowakei die Bedingungen, obwohl diese Bürokraten im Gegensatz zu nationalen Regierungen von niemandem gewählt wurden. Diese Arroganz und Verachtung für alle anderen bricht aus den heutigen europäischen Politikern geradezu heraus, wenn sie anfangen, andere zu belehren. Die Vereinigten Staaten begrüssen es ausdrücklich, dass Russland auf den europäischen Energiemärkten marginalisiert wird. Auch in Serbien versuchen uns die Amerikaner bereits zu verdrängen. Biden hat damit angefangen, und Trump bringt es nun zu Ende. Das ist ein offener Anspruch auf weltweite Vorherrschaft, insbesondere im Energiebereich.

Wenn unsere amerikanischen Kollegen uns also vorschlagen, die Ukraine-Krise zu regeln, und verlockende wirtschaftliche Perspektiven in Aussicht stellen, während sie uns gleichzeitig von allen globalen Energiemärkten verdrängen, passt das nicht zusammen. Am Ende bliebe uns nur unser eigenes Territorium. Wir sind durchaus für eine Zusammenarbeit mit den Amerikanern. Wenn wir bereit sind, auf unserem Territorium beiderseitig vorteilhafte Projekte durchzuführen, müssen unsere Interessen aber auch jenseits unserer Grenzen respektiert werden. Bisher sehen wir das nicht. Deshalb ist dies eine so ungewöhnliche Situation: Es ist eine Rückkehr in eine Zeit ohne jeglichen internationalen Rahmen, in der klipp und klar gesagt wird, die Interessen der USA stünden über allen internationalen Vereinbarungen.

Strategische Konstanten: Stärke und technologische Souveränität

Redaktion: Die russische Diplomatie war einst hauptsächlich auf Europa ausgerichtet, später auf die Vereinigten Staaten. Worauf ist sie jetzt ausgerichtet?

Lawrow: Schon zu Zeiten des Russischen Reiches haben wir erkannt, dass Russland letztlich nur zwei treue Verbündete hat: seine Armee und seine Flotte. Heute kommen natürlich noch die Luft- und Weltraumkräfte sowie die neuen Truppen für unbemannte Luftfahrzeuge hinzu, sodass unsere Verbündeten zahlreicher geworden sind. Aber die wichtigste Lehre aus unserer tausendjährigen Geschichte lautet: Vertraue auf Gott, aber verlass dich vor allem auf dich selbst. Man darf selbst nicht versagen.

Natürlich muss man sich auf Verbündete und Gleichgesinnte stützen. Man muss ihnen helfen und die Unterstützung, die sie einem gewähren, dankbar annehmen. Aber mit denjenigen, die uns mehr als einmal betrogen haben, müssen wir die Beziehungen so gestalten, dass wir uns stets bewusst sind: Das sind keine Menschen, denen man vertrauen kann. Der Präsident hat es schon mehrfach gesagt: Die Schwachen werden geschlagen.

Man muss stark sein. Russland ist ein sehr starkes Land – stark im Geiste, extrem stark durch seine natürlichen Ressourcen und sein wissenschaftliches Potenzial. Wir müssen all dies nur in modernste Technologien umsetzen. Der Präsident sagte treffend: Wer im Bereich der künstlichen Intelligenz führend ist, wird weltweit führend sein. Unsere Diplomatie soll dazu beitragen, die äusseren Bedingungen zu schaffen, um genau diese von Wladimir Wladimirowitsch Putin gesteckten Ziele zu erreichen.

Quelle: https://youtu.be/0WTr8hYU0f4?si=UZJXsI1Vw6E4eJDZ