Religion auf Talfahrt

Dieser Rückgang beschränke sich nicht nur auf die institutionalisierte Religion, sondern betreffe den Glauben insgesamt. So würden heute nur noch 45 Prozent der erwachsenen Amerikaner täglich beten, gegenüber 58 Prozent im Jahr 2007. Rund 40 Millionen Erwachsene, die früher in die Kirche gegangen seien, hätten dies aufgegeben. Der Trend ziehe sich durch alle Bevölkerungsschichten, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Hautfarbe, wenn auch in unterschiedlichem Ausmass. Immerhin seien die Amerikaner noch deutlich religiöser als die Europäer, wie die Gottesbezüge auf den Dollarscheinen oder in der Politikersprache zeigten: «In God we trust» und «God bless America».

Dennoch glaubten 2017 immer noch 66 Prozent der Amerikaner an die jungfräuliche Geburt Christi, aber nur 54 Prozent an die Evolutionstheorie. Der Glaube an die Jungfrauengeburt nimmt zwar rapide ab, ist aber im europäischen Vergleich immer noch hoch. In der Schweiz glaubt höchstens noch ein Drittel daran.

Nach der Säkularisierungstheorie von Max Weber wirkt die Modernisierung – Rationalisierung, Wissenschaft, Bildung etc. – der Religion entgegen. Das treffe zwar auf Europa zu, aber warum nicht auch auf die USA? Die aktuelle Entwicklung zeige, dass die Modernisierung nun auch in den USA den Gottesglauben schwäche, wenn auch verzögert, so Signer.

Ein Erklärungsansatz sei, dass Religion für Einwanderer in den USA besonders wichtig gewesen sei, um ihre Identität zu bewahren. Auch die enge Verbindung von Kirche, Religion und Familie sowie das fehlende Sozialsystem könnten eine Rolle spielen. Die Kirchen übernähmen oft Aufgaben, die in Europa der Staat erfülle. Zudem gebe es in den USA eine grössere Vielfalt an Kirchen und mehr Wettbewerb, was es einfacher mache, «eine passende Kirche zu finden».

Als Grund für die Abkehr von der Religion nannten die Amerikaner laut einer Umfrage vor allem das «unchristliche» Verhalten von Kirchenvertretern, etwa im Umgang mit Missbrauchsfällen. Auch die Unterstützung Trumps durch viele Evangelikale befremde viele. Weitere Gründe seien die Haltung vieler Prediger zu Aids, zu 9/11 und zum Umgang mit indigenen Kindern in Internaten. Die Pandemie habe dann zu einer Entfremdung geführt, weil viele festgestellt hätten, dass sie den sonntäglichen Kirchgang nicht vermissen.

Es gebe keinen Beweis dafür, dass mit dem Glauben auch die Moral verschwinde. Politisch dürften vor allem die Republikaner unter der Säkularisierung leiden, da sie eher auf christliche Wähler setzten. Die Kulturkämpfe um Abtreibung, Homosexualität etc. könnten sich abschwächen. Aber auch bei den Demokraten nimmt der Glaube ab, etwa bei den religiösen Afroamerikanern. Die Säkularisierung könnte die Flügelkämpfe bei den Demokraten verschärfen. Insgesamt rüttele sie am Grundverständnis der Nation und verstärke die «kollektive Identitätskrise».