Schon wieder: Friedenspreis für Kriegstreiber

Schlögel sprach von einer „Vorkriegssituation“ und einem bevorstehenden „harten Prüfstand“ für Europa, auf den man sich mit Opfern einstellen müsse. Dass ein Friedenspreisträger so die Kriegstrommeln rührt, wirkt verstörend. Seine Rede inszeniert ihn als reumütig Geläuterten, der nach früheren Irrtümern nun als Mahner und Kriegsprediger auftritt – mit viel Pathos, fragwürdigen historischen Deutungen und einer klaren politischen Stoßrichtung: Konfrontation statt Dialog.
Der „Geläuterte“: Inszenierte Demut als rhetorischer Kniff
Schlögel zeigte sich in seiner Ansprache demütig: Er gab persönliche Fehleinschätzungen zu und betonte, die „Grenzen der eigenen Urteilskraft“ seien ihm schmerzhaft bewusst geworden. Früher habe er an eine partnerschaftliche Beziehung zu Russland geglaubt und die Gefahr unterschätzt. Diese Selbsterkenntnis stellte er als Wendepunkt dar – aus dem irrenden Beobachter wurde ein einsichtiger Warner.
Die Jury lobte ihn explizit dafür: Nach der Krim-Annexion 2014 habe er seinen Blick „auf die Ukraine geschärft“ und sich mit deutschen „blinden Flecken“ auseinandergesetzt. Doch Roberto De Lapuente (Overton-Magazin) seziert diese öffentliche Selbstkritik als gezieltes Stilmittel: „Schlögel hat seine früheren Thesen verworfen und sich der neuen grossen Zeit angepasst.“ Seine Demut diene dazu, Glaubwürdigkeit zu erschleichen – wer einen Irrtum eingesteht, dem glaubt man umso eher.
Die Kehrseite: Seine Läuterung fungiert als subtiler Tadel an alle, die nicht „umgeschwenkt“ sind. Schlögel signalisiert: „Ich habe meine Lehren gezogen – warum nicht auch ihr?“ Damit stellt er Kritiker der aktuellen Konfrontationspolitik als unbelehrbare „Ewiggestrige“ hin. De Lapuente spitzt zu: „Seine demutsvolle Rede zielt auf jene, die weiterhin unbelehrbar bleiben und noch Dialog mit Russland suchen.“ So wird die eigene Einsicht zum Manipulationskniff, um Abweichler moralisch ins Abseits zu stellen.
Beissender Spott kommt aus den Kommentarspalten: „Versagen ist Erfolg in diesen Zeiten, in denen es um die richtige Haltung geht.“ Tatsächlich hat Schlögel selbst eingeräumt, dass seine Russland-Analysen gescheitert seien – und wird dennoch bejubelt. Die Ehrung wirkt wie ein Preis für selbst eingestandenes Versagen. In einer Zeit, in der regierungstreue „Zeitenwende“-Rhetorik gefragt ist, scheint nur derjenige geehrt zu werden, der seine „geschmeidige Anpassungsfähigkeit ans herrschende System“ unter Beweis stellt.
Pathos und Kriegskitsch statt Friedensvision
Auffällig an Schlögels Rede ist ihr pathetischer Überschwang. Statt einer nüchternen Friedensvision bietet er eine kitschige Heroisierung des ukrainischen Abwehrkampfes – flankiert von apokalyptischen Warnrufen. Besonders der Schlusssatz liess aufhorchen: „Von der Ukraine lernen, heisst furchtlos und tapfer sein, vielleicht auch siegen lernen.“ Diese Forderung, Europa müsse „siegen lernen“, klingt wie ein Schlachtruf.
De Lapuente seziert, wie Schlögel hier mit Durchhalteparolen operiert: Er beschwört den „Durchhaltewillen ausgemergelter Ukrainer“ in fast schon verklärter Weise, um den Europäern Mut zum Kämpfen einzuflössen. Der emotional aufgeladene Appell an Tapferkeit und Opferbereitschaft mündet im Diktum vom „Siegenlernen“ – als sei der Sieg im Krieg eine Tugend, die es pädagogisch zu erwerben gelte. Diese Rhetorik erinnert fatal an historische Kriegspredigten.
Weidenfeld weist darauf hin, dass Begriffe wie „Opferbereitschaft“ und „Heldentod“ jahrzehntelang in Deutschland tabuisiert waren – aus gutem Grund. Doch nun erleben derlei Konzepte „wieder Hochkonjunktur“, eingeschleust über die Ukraine-Begeisterung, und werden sogar von Friedenspreisträgern salonfähig gemacht. Eine gefährliche Re-Ideologisierung der Sprache, die alte Geister heraufbeschwört.
Symptomatisch ist Schlögels Umgang mit Zitaten. Er stellte Walter Benjamins „Wer aber Frieden will, der rede vom Krieg“ neben das römische „Si vis pacem, para bellum“ und behauptete, beide seien bloss verschiedene Fassungen desselben Gedankens. Doch Benjamin forderte 1926 keineswegs ein Reden, das den Krieg vorbereitet, sondern ein warnendes Reden vom kommenden Krieg – um ihn zu verhindern. Schlögel jedoch unterschlug diese Differenz und schlug Benjamin dreist in die Phalanx der Kriegsvorbereiter ein.
Geschichtsbild im Dienst der Ideologie
Schlögels historische Einordnung des Konflikts gerät zur schlichten Moralfabel. Differenzierte Analyse weicht einer ideologischen Lesart, in der Russland seit jeher der Aggressor und Feind der Freiheit ist. Er zog Parallelen zum Stalinismus – Putin habe das Tor zu einer „neuen Vorkriegszeit“ aufgestoßen. Mit Schlagwörtern wie „Imperialismus, Revisionismus, Mafiastaat, Faschismus, Rassismus“ reiht er Russland in die Tradition der grössten Schurkenstaaten ein.
Doch seine Rundumschläge wirken weniger wie die Analyse eines Historikers, sondern wie das Manifest eines Kalten Kriegers. Er beklagt die einstige Naivität der „Russlandversteher“ in Deutschland und ätzt: „Es gab viele Russlandversteher, aber zu wenige, die etwas von Russland verstanden.“ Die Botschaft: Wer früher auf Dialog setzte, war töricht – man hätte Russland von Anfang an als Feind behandeln sollen.
Doch diese Lesart blendet aus, dass auch westliche Politik Fehler machte. Die NATO dehnte sich seit 1990 stetig nach Osten aus, entgegen früheren Zusicherungen. Die Osterweiterung und die Einmischung westlicher Akteure in der Ukraine (Maidan 2014) bilden den geopolitischen Hintergrund, den Schlögel fast völlig ignoriert. Für ihn ist klar: Appeasement gegenüber Putin war der Fehler – nun gilt „Si vis pacem, para bellum“.
Alte Muster: Vom Maoismus zur NATO-Loyalität
Schlögels gegenwärtiger Radikalismus ist kein Zufall. In den 1970er-Jahren bewegte er sich im Umfeld maoistischer Gruppen, die durch politische Militanz und kompromisslose Haltung geprägt waren. In diesen K-Gruppen zählte die Identifikation mit starken Anführern mehr als kritische Distanz; Disziplin, Opferbereitschaft und eine klare Feindbildkonstruktion standen im Mittelpunkt. Interessanterweise ging diese Strömung so weit, die sowjetische Führung als „revisionistisch“ abzulehnen, während Stalin trotz seiner Verbrechen gegen die Moskauer Nachfolger in Schutz genommen wurde. China und andere revolutionäre Bewegungen galten als Vorbilder – der Glaube an die Macht politischer Gewalt prägte das Selbstverständnis.
Wenn man diesen biografischen Hintergrund bedenkt, erscheint Schlögels heutige Rhetorik in neuem Licht. Was auf den ersten Blick wie eine 180-Grad-Wende wirkt, ist vielleicht vielmehr das Festhalten an alten Mustern – nur dass sich das Feindbild verschoben hat. Aus dem Kampf gegen den sowjetischen Kommunismus wurde ein Kampf gegen Putins Russland, wobei die grundsätzliche Haltung erhalten blieb: der unbedingte Wille zur Konfrontation, das Vertrauen auf Härte und die Bereitschaft, für eine als gerecht empfundene Sache kompromisslos einzustehen. Die politischen Koordinaten haben sich gewandelt, doch die kämpferische Energie – samt Hang zu Überhöhung und Pathos – lebt fort.
Es wirkt fast, als sei von diesem Geist noch immer etwas übrig geblieben: Was einst unter maoistischer Flagge geschah, hat sich heute als kompromisslose Parteinahme für den Westen und die NATO fortgesetzt. Die alten Feindbilder wurden lediglich ausgetauscht, der kämpferische Furor aber blieb. Die vermeintliche Läuterung wäre dann eher eine Rückbesinnung auf alte Frontstellungen.
Krieg statt Frieden: Die politische Stoßrichtung
Jenseits der Rhetorik sind es die politischen Implikationen, die Widerspruch herausfordern. Schlögel gibt handfeste Empfehlungen: Deutschland solle die Ukraine umfassend unterstützen – militärisch versteht sich – und müsse sich selbst wappnen. Vor der Preisverleihung forderte er gar die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Für einen Friedenspreisträger ist das ein bemerkenswerter Vorstoss.
Sein Duktus ähnelt dem eines Generals, der die Heimatfront auf harte Jahre einschwört. Weidenfeld fragt provokant: „Haben wir aus unserer Geschichte gar nichts gelernt, wenn wir jetzt Krieg wieder als scheinbar einzige Alternative propagieren?“ Schlögel predigt faktisch eine neue Opferbereitschaft des Volkes und bereitet die Gesellschaft psychologisch auf dauerhaften Krieg vor.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer lobte ihn als frühen Warner vor Putins Expansionsdrang. Doch Schlögels Botschaft lautet de facto: „Frieden gibt es erst nach einem Sieg über Russland.“ Kompromisse oder Verhandlungen passen nicht in dieses Weltbild – sie gelten als Schwäche. Statt Brücken zu bauen, reiht er sich ein in die westlichen Intellektuellen, die unisono die Maxime ausgeben: „Haltet durch, schickt Panzer, kein Nachgeben!“
Ein Friedenspreisträger als Trommler zum Krieg
Schlögels Rede offenbart ein verstörendes Paradox: Unter dem Banner des Friedenspreises wurde keine Friedensvision entworfen, sondern Kriegsentschlossenheit beschworen. Mit rhetorischer Brillanz und viel Pathos zeichnet er ein ideologisiertes Geschichtsbild, in dem es nur noch Gut und Böse gibt. Russland erscheint als ewiger Aggressor, dem mit Härte zu begegnen ist; die Ukraine wird verklärt zum tapferen Lehrmeister eines „verweichlichten“ Europas.
Diese pathetische Überfrachtung mag beim Paulskirchen-Publikum für stehende Ovationen gesorgt haben – doch sie wirft schwere Fragen auf: Ist das noch ein Beitrag zur Verständigung oder bereits Propaganda im akademischen Gewand? Weidenfeld warnt vor dem „alten ideologischen und völkischen Gedankengut“, das über den Umweg Ukraine wieder bei uns Einzug hält.
Schlögel mag ein Getriebener des Zeitgeists sein, der die „Zeitenwende“-Parolen intellektuell verbrämt in die Menge ruft. Doch seine historische Expertise hätte helfen können, Auswege aus der Spirale von Eskalation und Feinddenken zu finden. Stattdessen legitimiert er diese Spirale mit dem Nimbus des Belehrten.
Die Debatte um seine Rede zeigt den Riss, der durch das intellektuelle Deutschland geht: Hier die neuen harten Mahner, die militärische Stärke preisen; dort die skeptischen Stimmen, die an klassische Friedenswerte erinnern. Schlögel mag der Held der Stunde für manche sein – in einer kritischen Perspektive bleibt er ein fragwürdiger Mahner, dessen politischer Furor mehr Kitsch und Kampfgeist enthält als konstruktive Friedensenergie.