Vom Landraub zum Völkermord

Der renommierte Historiker Avi Shlaim, emeritierter Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Oxford, zieht in seinem neuen Buch «Genozid in Gaza. Israels langer Krieg gegen Palästina» eine schonungslose Bilanz der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern. Sein Fazit: Israels Vorgehen im Gazastreifen ist kein isoliertes Ereignis, sondern die logische Fortsetzung eines jahrzehntelangen siedlerkolonialen Projekts, das auf Landraub, ethnische Säuberung und systematische Entmenschlichung setzt. «In diesem Krieg ist Israel über Landraub und ethnische Säuberungen hinausgegangen und hat das Verbrechen aller Verbrechen begangen: Völkermord», schreibt Shlaim.

Die Nakba als kontinuierlicher Prozess

Shlaim betont, dass die Vertreibung der Palästinenser – die Nakba – kein historisches Einzelevent, sondern ein «kontinuierlicher Prozess» sei. Seit 1948 seien drei Viertelmillionen Palästinenser vertrieben worden oder zur Flucht gezwungen worden. Selbst nach dem Abzug aus Gaza 2005 habe Israel die Kontrolle über das Gebiet behalten und die Bevölkerung systematisch unterdrückt: durch Blockaden, militärische Offensiven und die gezielte Zerstörung ziviler Infrastruktur. Die israelische Führung bezeichne diese wiederkehrenden Angriffe auf Gaza sogar zynisch als «Rasenmähen».

Der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 sei «brutal und mörderisch» gewesen, so Shlaim, doch er stehe nicht im «luftleeren Raum». Vielmehr sei er eine Reaktion auf «ein halbes Jahrhundert brutaler Besatzung und grausamer Unterdrückung». Israels Reaktion darauf habe jedoch alle bisherigen Massstäbe gesprengt: «Ich erwartete keine ethnische Säuberung Gazas, doch diese stellte sich als eines der Ziele der Regierung heraus.»

Völkermord als staatliche Politik?

Shlaim, der sich jahrelang kritisch mit Israels Politik auseinandersetzte, hatte den Vorwurf des Völkermords bisher vermieden. Doch die Ereignisse in Gaza zwangen ihn zum Umdenken. Die israelische Führung habe ihre Absichten nicht einmal verborgen: «Die Völkermord-Rhetorik bestand nicht nur aus leeren Worten; sie wurde durch einen brutalen, sadistischen Angriff auf die Bevölkerung von Gaza in die Tat umgesetzt.» Dazu gehörten die «Abschlachtung unschuldiger Zivilisten im industriellen Massstab», der Einsatz von Hunger als Kriegswaffe und die Bombardierung von Krankenhäusern.

Die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese bestätigte diesen Befund in ihrem Bericht «Anatomie eines Völkermords»: Israels Handeln folge einer «völkermörderischen Logik», die «integraler Bestandteil seines siedlerkolonialen Projekts» sei. Der Internationale Strafgerichtshof prüft derzeit Haftbefehle gegen Israels Führung – ein historischer Wendepunkt.

Faschistische Züge und internationale Isolation

Shlaim vergleicht die aktuelle israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu mit faschistischen Regimen. Zwar fehlen einige klassische Merkmale, doch «Militarismus, Rassismus und die Doktrin, dass Gewalt die Welt nach einer rassistisch-suprematistischen Vision formen soll», seien deutlich erkennbar. Die Regierung Netanjahu stehe für «Hegemonie und Herrschaft», nicht für friedliche Koexistenz.

Die Folgen sind verheerend: Israel habe sich zum «internationalen Paria» entwickelt, so Shlaim. Die Doppelmoral des Westens, der Russlands Angriff auf die Ukraine verurteile, Israels Vorgehen in Gaza aber unterstütze, untergrabe die liberale Weltordnung. Gleichzeitig werde das Weltjudentum durch Israels Politik belastet. Immer mehr jüdische Gemeinden distanzierten sich mit Parolen wie «Nicht in unserem Namen».

Ein Staat für alle: Die demokratische Alternative

Shlaim, der sich als Jude moralisch verpflichtet fühlt, «der Macht die Wahrheit zu sagen», plädiert für eine demokratische Ein-Staaten-Lösung: ein gemeinsamer Staat vom Jordan bis zum Mittelmeer mit gleichen Rechten für alle Bürger, unabhängig von Religion oder Ethnie. Nur so lasse sich der Konflikt gerecht lösen – «ohne Rassismus, ohne Suprematismus, ohne Völkermord».