Von der Leyen orientierungslos

Es war einmal ein Flugzeug, eine Dassault Falcon 900LX mit der Registrierung OO-GPE. An Bord: Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU-Kommission. Wie in Hollywood-Drehbüchern sah man das Flugzeug plötzlich von Warschau nach Plowdiw fliegen, als das GPS angeblich ausfiel. Die Piloten, so hiess es, mussten «manuell» landen, der Jet kreiste eine ganze Stunde über dem Flughafen, und selbstverständlich stand der Schuldige fest: Russland. Beweise? Fehlanzeige. Die Empörung? Grenzenlos.

Dass diese Geschichte von Anfang bis Ende erstunken und erlogen war, hinderte niemanden. Nicht die Medien, nicht die Politiker und schon gar nicht die EU-Kommission. Warum auch? Wenn man Russland für alles verantwortlich machen kann, wozu dann die Mühle mit der Faktenprüfung?

Die Geschichte, die alle glauben wollten

Kaum war die Maschine gelandet, lief die Empörungsmaschinerie auf Hochtouren. Die „Financial Times” berichtete, die „Tagesschau” übernahm die Fabel, und schon war es amtlich: Russland hatte «mutmasslich gezielt» das GPS-Signal gestört. Ein angeblicher «Angriff auf Leib und Leben» der Kommissionspräsidentin! Ein Skandal! Ein «Beweis für russische Aggression!» Die bulgarischen Behörden raunten es Journalisten zu, die EU-Kommission nickte eifrig, und die deutschen Medien sprangen mit fleissigem Eifer auf den Zug auf, als ginge es um die Rettung der Demokratie. Dass es für diese Behauptung keinen Beleg gab, war nebensächlich. Immerhin hatte Kommissionssprecherin Arianna Podesta erklärt, man vermute eine offensichtliche Einmischung Russlands. Und wenn die EU-Kommission etwas vermutet, dann ist das doch fast so gut wie ein Geständnis, oder? Nur leider: Die Daten sprachen eine andere Sprache.

Flightradar24: «Alles ganz normal, Leute»

Während die Medien noch eifrig Schlagzeilen druckten – «Flugzeug mit von der Leyen Ziel von GPS-Störung», «Pilot musste mit Papierkarten landen» –, meldete sich Flightradar24 zu Wort. Der NIC-Wert, der die Qualität des GPS-Signals angibt? Vom Start bis zur Landung ohne jegliche Auffälligkeiten. Eine Stunde Kreisen über dem Flughafen? Fehlanzeige. Der Flug dauerte ganze neun Minuten länger als geplant. Neun Minuten. Nicht eine Stunde. Nicht einmal eine halbe.

Aber wer braucht schon Fakten, wenn die Story so schön in die Erzählung passt? Die „Tagesschau” wusste es besser. Die „Welt” auch. Und die „taz”. Und der „Spiegel”. Und „ZDFheute”. Und „Focus Online”. Sie alle wussten es besser – oder besser gesagt: Sie wussten überhaupt nichts, aber das hinderte sie nicht daran, munter drauflos zu spekulieren.

Dass Flugzeuge auch ohne GPS landen können – dank ILS (Instrument Landing System) oder IRS (Inertial Reference System) –, interessierte keinen. Dass der Flughafen Plowdiw über moderne Navigationshilfen verfügt, ebenfalls nicht. Dass Piloten für solche Fälle trainiert sind, schon gar nicht. Hauptsache, man konnte «Russland» und «Angriff» in einem Satz unterbringen.

Die Politik: Schnell schiessen, nicht nachdenken

Die Reaktion der Politik war peinlich. Andrius Kubilius, Rüstungskommissar der EU, nutzte die Gelegenheit, um mehr Satelliten im niedrigen Erdorbit zu fordern – schliesslich müsse Europa sich «resistenter» gegen GPS-Störungen machen. Mark Rutte, NATO-Generalsekretär, erklärte, man nehme die Störung sehr ernst und arbeite Tag und Nacht daran, solche Vorfälle zu verhindern. Man wolle sicherstellen, dass sie es nicht wieder tun, sagte er mit ernster Miene. Wer «sie» sind, blieb unklar – aber wer zweifelt schon an der Schuldfrage, wenn Russland so ein praktischer Sündenbock ist?

Besonders dreist: Die bulgarische Flugsicherheitsbehörde zeigte sich desinteressiert. Man werde die Störung nicht weiter untersuchen, hiess es lapidar, weil solche Dinge jeden Tag passieren. Aber warum sollte man sich mit lästigen Details aufhalten, wenn man stattdessen Russland die Schuld in die Schuhe schieben kann?

Konstantin von Notz, Grünen-Politiker und bekannt für seine Russland-Kritik, nutzte die Gelegenheit, um auf X (ehemals Twitter) «Reaktionen» von EU und Bundesregierung zu fordern. Dass es nichts zu reagieren gab, schien ihn nicht zu stören. Fakten sind schliesslich nur etwas für Leute, die keine Agenda haben.

Die Medien: Hauptsache, die Klicks stimmen

Die deutsche Medienlandschaft glänzte einmal mehr mit blindem Gehorsam. Keine kritischen Nachfragen, keine unabhängige Überprüfung, keine Skepsis. Stattdessen: Eine Lawine von Schlagzeilen, die alle dasselbe erzählten – und alle falsch lagen.

«Mutmasslich russische Aktion», titelte die „Welt”. «Von der Leyens Flugzeug wohl von russischer GPS-Störung getroffen», schrieb die „Berliner Morgenpost”. «Pilot musste mit Papierkarten landen», fabulierte der „Tagesspiegel”. Dass all das Unsinn war, kam erst später – wenn überhaupt.

Dass Flightradar24, eine der zuverlässigsten Quellen für Flugdaten, die Geschichte als Fake News entlarvte, ignorierte man geflissentlich. Dass es keine Verspätungen, keine GPS-Störungen, keine manuelle Landung gab, passte nicht ins Narrativ. Also schwieg man. Oder, noch besser: Man berichtigte leise, wenn überhaupt.

Die Moral von der Geschicht’

Am Ende bleibt die Frage: Warum? Warum diese Hysterie? Warum diese voreiligen Schuldzuweisungen? Warum diese blindwütige Bereitschaft, alles zu glauben, was Russland in ein schlechtes Licht rückt?

Die Antwort ist einfach: Weil es funktioniert. Weil die Leser es klicken. Weil die Politiker es nutzen können. Weil es in die Erzählung passt – die Erzählung von Russland als dem grossen Bösewicht, der überall seine Finger im Spiel hat. Dass man dabei Fakten ignoriert, Daten fälscht und die eigene Glaubwürdigkeit verspielt, ist egal. Hauptsache, die Message kommt an.

Und die Message ist klar: Russland ist schuld. Immer. Egal, ob es Beweise gibt oder nicht.

Wenn man schon lügt, dann richtig. Und wenn man schon lügt, dann am besten im Chor. Die Geschichte von Ursula von der Leyens GPS-Attacke ist ein Lehrstück darin, wie Medien und Politik gemeinsam eine Realität erfinden – und wie wenig es braucht, um sie zu widerlegen. Man muss nur hinsehen. Und genau das tut niemand.