Von «Kapitulation» zu «Kapitulation» zur Kapitulation

Bemerkenswert ist die Herkunft dieser Analyse. Sie stammt nicht aus der Kreml-Propaganda, sondern von einer ukrainischen Redaktion, die die innenpolitischen Mechanismen Kiews genau kennt. Der Artikel «Wovon die Antwort Kiews auf den neuen US-Friedensplan abhängt» liest sich wie eine Chronologie des politischen Realitätsverlusts.

Der Fluch der «Kapitulation» 

Das Wort «Kapitulation» geistert seit über einem Jahrzehnt wie ein Gespenst durch die ukrainische Politik. Es ist zum ultimativen Totschlagargument geworden, das jede diplomatische Lösung im Keim erstickt.

Die Strana-Analyse beginnt ihre Zeitreise im Jahr 2015. Damals lagen die Minsker Abkommen auf dem Tisch. Der Kern: Die Reintegration des Donbass in die Ukraine, allerdings mit einem besonderen Autonomiestatus. Keine Abspaltung, kein Anschluss an Russland, sondern eine Rückkehr unter die ukrainische Flagge mit Sonderrechten. Doch die «patriotische Öffentlichkeit» in Kiew tobte. Granaten flogen vor der Werchowna Rada, der damalige Präsident Poroschenko knickte ein. Die Umsetzung galt als «Kapitulation».

Als Wolodymyr Selenskyj 2019 mit dem Versprechen antrat, den Frieden zu bringen, wiederholte sich das Spiel. Kaum deutete er Kompromisse an (die «Steinmeier-Formel»), formierte sich der Widerstand unter dem Banner «Keine Kapitulation». Selenskyj zog sich zurück. Das Ergebnis ist bekannt: Der politische Prozess starb, der grosse Krieg begann.

Istanbul und die verpasste Chance 

Noch zynischer wirkt der Rückblick auf das Frühjahr 2022. Kurz nach Beginn der Vollinvasion lagen in Istanbul Dokumente bereit. Russland war – so die damaligen Entwürfe – bereit, sich auf die Linien vor dem 24. Februar zurückzuziehen (mit Ausnahme des Donbass), im Gegenzug für ukrainische Neutralität.

Doch dann kam der berüchtigte Besuch von Boris Johnson und der Stimmungsumschwung in Kiew. «Wir werden einfach weiterkämpfen», hiess die Devise. Die Kompromisse von Istanbul wurden als unzumutbar gebrandmarkt. Man forderte Reparationen und die Grenzen von 1991. Das Ergebnis dieser «Härte»? Russland grub sich ein, annektierte vier Regionen formell und der Krieg forderte Hunderttausende Opfer. Was damals als «Verrat» galt, würde heute von vielen als diplomatischer Triumph gefeiert werden – doch diese Option existiert nicht mehr.

Der Preis des Stolzes 

Besonders schmerzhaft ist der Blick auf den Herbst 2022. Nach erfolgreichen Offensiven in Charkiw und Cherson öffnete sich laut Strana ein kurzes Fenster für einen Waffenstillstand entlang der Frontlinie. Russland war in der Defensive. Doch in Kiew war man berauscht vom eigenen Erfolg. «Kaffee auf der Krim» war das geflügelte Wort. Ein Einfrieren des Konflikts? Kapitulation!

Heute, Jahre später, wäre Kiew froh, wenn man den Konflikt einfach nur einfrieren könnte. Doch die Bedingungen haben sich erneut verschlechtert.

Die europäischen Brandstifter: Applaus in den Abgrund 

In diesem Trauerspiel der verpassten Chancen spielten die europäischen «Partner» eine nicht minder fatale Rolle. Während man in Kiew noch zögerte, überboten sich europäische Hauptstädte in kriegerischer Rhetorik und moralischem Absolutismus. Anstatt mässigend einzuwirken und realistische Auswege aufzuzeigen, lieferten Brüssel, Berlin und Paris Durchhalteparolen statt diplomatischer Strategien.

Die Europäer bestärkten die ukrainische Führung in der Illusion, ein totaler Sieg über eine Atommacht sei auf dem Schlachtfeld erreichbar. Jeder Ruf nach Verhandlungen wurde in Europa als Schwäche diffamiert, jeder realistische Blick auf die militärischen Kräfteverhältnisse als Defätismus gebrandmarkt. Mit ihrer kompromisslosen Haltung und dem Fehlen jeglicher Exit-Strategie haben sich die Europäer mitschuldig gemacht an der Sackgasse, in der die Ukraine heute steckt. Sie applaudierten dem Land auf seinem Weg in die Katastrophe, anstatt es rechtzeitig vor dem Fall zu bewahren.

Was ist eigentlich Kapitulation?  

Der Artikel von Strana schliesst mit einer fast schon lexikalischen Belehrung für die eigene Regierung. Kapitulation, so erinnert der Autor, ist das, was Deutschland oder Japan 1945 erlebten: Die vollständige Entwaffnung und Unterwerfung unter den Sieger.

Der aktuelle US-Plan (Einfrieren der Front, Verzicht auf NATO, aber Erhalt der Souveränität und der Armee) sei zwar ein «harter Frieden», aber eben keine Kapitulation. Die bittere Ironie, die der Artikel herausarbeitet, ist offensichtlich: Die ukrainische Führung steht nun vor der Wahl, Bedingungen zu akzeptieren, die sie vor zwei Jahren noch entrüstet abgelehnt hätte.

Die Gefahr dabei ist real: Lehnt Kiew auch diesen Plan unter dem vertrauten Schlachtruf «Keine Kapitulation» ab, könnte am Ende der Spirale tatsächlich genau das stehen, was man immer verhindern wollte – die echte, totale Niederlage. Die Geschichte der abgelehnten Kompromisse lehrt, dass es immer noch tiefer bergab gehen kann.