Warum wir bei Trumps Politik von Faschismus sprechen müssen

Der Begriff «Faschismus» weckt unweigerlich Assoziationen mit dem Holocaust und den dunkelsten Kapiteln der europäischen Geschichte. Viele Medienschaffende und Historiker scheuen deshalb davor zurück, das Wort für die heutige Zeit zu verwenden. Zu gross ist die Angst, die industriellen Verbrechen des 20. Jahrhunderts zu relativieren. Auch der renommierte Historiker Robert Paxton, einer der weltweit führenden Faschismus-Experten, weigerte sich lange, Trumps politische Bewegung mit diesem Etikett zu versehen.

Ein Zögern, das am Kapitol endete

Doch am 6. Januar 2021 änderte Paxton seine Meinung. Als ein wütender Mob das US-Kapitol stürmte und Galgen für politische Gegner aufbaute, sah der Historiker Parallelen zu Benito Mussolinis Schwarzhemden, die 1922 auf Rom marschierten. Paxton erklärte später, die Invasion des Kapitols räume seine Einwände gegen den Faschismus-Begriff aus. Es handle sich nicht länger um eine Übertreibung, sondern um eine notwendige analytische Bezeichnung.

Faschismus lässt sich nicht auf eine einzige, starre Definition reduzieren. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein prägte den nützlichen Begriff der «Familienähnlichkeit». Der italienische Faschismus und der deutsche Nationalsozialismus waren nicht identisch, teilten aber entscheidende Wesensmerkmale. Genau diese strukturellen Ähnlichkeiten lassen sich heute in den USA beobachten. Historiker identifizieren zehn zentrale Eigenschaften, die Trumps Bewegung unverkennbar faschistisch machen und sie von gewöhnlichem Autoritarismus abgrenzen.

Kult der Stärke und der ewige Feind

Erstens beschwört der Faschismus eine mythische Vergangenheit, die durch innere Feinde zerstört worden sei. Der Slogan «Make America Great Again» (Macht Amerika wieder grossartig) ist kein reiner Werbespruch, sondern das Fundament dieses Denkens.

Damit einher geht das zweite Merkmal: ein tiefes Gefühl der Demütigung und der Opferrolle. Die dominante Gruppe inszeniere sich als Opfer einer grossen Verschwörung von Eliten, Globalisten und Einwanderern. Dies verlange nach Rache. Trump selbst rief seinen Anhängern zu: «Ich bin eure Vergeltung.»

Drittens teilt die faschistische Ideologie die Welt streng hierarchisch ein. Wer nicht dazugehört, wird entmenschlicht. Trump bezeichnete Einwanderer mehrfach als «Tiere», welche das Blut der Nation vergiften würden. Sein designierter Vizepräsident J. D. Vance lobte ein Buch, das politische Linke schlicht als «Unmenschen» deklariert. Wer Menschen ihren Mensch-Status abspricht, bereitet den Boden dafür vor, sie auch so zu behandeln.

Viertens verachten Faschisten jegliche Schwäche. Sie predigen einen Kult der Tat (fünftes Merkmal), der demokratische Kompromisse und rechtsstaatliche Prozeduren als gefährliche Lähmung abwertet.

Der Pakt mit den Oligarchen

Im Zentrum steht sechstens die Figur des Anführers als alleiniger Retter. «Nur ich kann es reparieren», behauptete Trump. In dieser Logik werden die persönlichen Feinde des Anführers zu den Feinden der Nation. Wer ihm widerspricht, gilt als Volksverräter. Dies führt siebtens zur systematischen Säuberung staatlicher Institutionen. Unabhängiges Fachwissen zählt nicht mehr; absolute Loyalität wird zur einzigen Qualifikation für Staatsdiener, Militärs und Behörden.

Das achte Merkmal ist der Frontalangriff auf die Wahrheit. Der öffentliche Raum wird gezielt mit Lügen geflutet. Das Ziel ist nicht, die Bevölkerung von einer bestimmten Falschaussage zu überzeugen, sondern sie so sehr zu erschöpfen, bis sie aufgibt, überhaupt noch Fakten von Fiktion zu trennen.

Neuntens verschmelzen Staat und Grosskapital. Es ist kein Zufall, dass Tech-Oligarchen wie Elon Musk oder Mark Zuckerberg bei Trumps Amtseinführung in der vordersten Reihe sassen. Das Phänomen gleicht den strategischen Pakten, welche die Industriellen in den 1930er-Jahren in Deutschland und Italien mit den Machthabern schlossen.

Zehntens und letztens bedient sich der Faschismus der öffentlichen Gewalt und des Terrors. Wenn US-Grenz- und Bundesbehörden militärisch aufrüsten und Menschen willkürlich von der Strasse reissen, ist die Grausamkeit kein Unfall. Sie ist das eigentliche Ziel. Die Gewalt dient der Einschüchterung der gesamten Zivilgesellschaft.

Das Ende der Überraschung

Wir befinden uns laut Robert Paxtons historischem Fünf-Stufen-Modell bereits in der vierten Phase des Faschismus: Die Bewegung ist an der Macht, der Anführer biegt den Staat nach seinem Willen und die Milliardäre machen ihre Deals. Die fünfte Stufe wäre die endgültige Radikalisierung oder der Zerfall in eine dauerhafte Diktatur.

Für Demokratinnen und Demokraten bedeutet diese klinische Diagnose vor allem eines: Wir müssen aufhören, überrascht zu sein. Wer das Muster der ständigen Regelbrüche erkennt, verschwendet keine Energie mehr auf ohnmächtige Empörung. Es geht nun nicht darum, das Wort «Faschismus» blind als Wahlkampfslogan zu brüllen. Es geht um die Dringlichkeit, den Ernst der Lage zu begreifen, breite gesellschaftliche Bündnisse zu schmieden und den institutionellen Widerstand konsequent zu organisieren.