Warum wir uns nicht auf unsere moralische Standhaftigkeit verlassen dürfen

Die Annahme, dass unsere Zivilisation einen stabilen, linearen Fortschritt darstellt, ist eine gefährliche Illusion. Wie schnell offene Gesellschaften in die Barbarei zurückfallen können, zeigt der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer in seinem neuen Vortrag auf YouTube (Mai 2026). Welzer stützt sich dabei auf den Soziologen Norbert Elias und warnt vor einer gegenwärtigen «Entzivilisierung». Seine Diagnose ist düster, aber sein Gegenrezept ist konkret: Wir müssen aufhören, einander zu belehren, und wieder anfangen, reale Begegnungsräume zu schaffen.

Vom äusseren Zwang zum Selbstzwang

Norbert Elias beschrieb den Prozess der Zivilisation als eine jahrhundertelange Entwicklung, in der direkte Gewalt abnahm. Äussere Zwänge übersetzten sich im Laufe der Zeit in innere Selbstzwänge. Wer einen Konflikt hat, schlägt heute im Normalfall nicht mehr zu, sondern beherrscht sich und sucht das Gespräch. Das ist das Fundament unserer freiheitlichen Ordnung.

Doch dieser zivilisatorische Gehalt wird laut Welzer heute radikal angegriffen. Imperialistische Kriege kehren zurück, Demokratien schrumpfen weltweit, und die politische Klasse reagiert mit einer gefährlichen Leichtfertigkeit auf Brüche des Völkerrechts. Völkerrecht funktioniert laut Welzer nur universell. Wer es heute aus taktischen Gründen ignoriert, entzieht sich morgen selbst die rechtliche Schutzbasis.

Die Illusion des moralischen Widerstands

Das deprimierendste Phänomen für Welzer ist das historische Tempo, in dem zivilisierte Gesellschaften kollabieren können. Als historisches Beispiel nennt er die Jahre 1933 bis 1941 in Deutschland. Innerhalb von nur acht Jahren wandelte sich eine normale Gesellschaft in eine radikale Ausgrenzungs- und schliesslich Vernichtungsgesellschaft. Dies geschah nicht durch Film-Bösewichte, sondern unter tätiger Mitwirkung ganz normaler Bürgerinnen und Bürger.

Als Sozialpsychologe betont Welzer einen entscheidenden Punkt: Wenn sich der äussere Rahmen verschiebt, verschiebt sich auch die moralische Bewertung. Die Menschen, die damals zusahen, wie ihre jüdischen Nachbarn deportiert wurden, dachten am Ende nicht: «Was bin ich für ein Unmensch geworden?». Sie empfanden ihr Verhalten als völlig normal und legitim. Anpassung ist historisch gesehen weitaus wahrscheinlicher als Widerstand. Wer heute glaubt, er würde im Ernstfall heldenhaft widerstehen, erliegt meist einer Selbsttäuschung.

Das Risiko der intellektuellen Selbstgewissheit

Welzer spart nicht mit Kritik an den eigenen Reihen. Dem Kultur- und Wissenschaftsbetrieb wirft er eine gefährliche Selbstgewissheit vor. Viele Akteure dort glaubten naiv, auf der «richtigen Seite der Geschichte» zu stehen. Sie nähmen den aktuellen zivilisatorischen Angriff deshalb nicht ernst genug. Zudem hängen viele Kulturschaffende von staatlichen Geldern oder Sponsoren ab. Um ihre Existenz nicht zu gefährden, neigen sie in Krisen schneller zu vorauseilendem Gehorsam.

Sobald sich die Verhältnisse ändern, entstehen Gelegenheiten für das, was der Philosoph Günther Anders die «Chance der unbestraften Unmenschlichkeit» nannte. Latente Konflikte, die unter friedlichen Bedingungen gezügelt werden, können sich dann gewaltsam entladen. Der Soziologe Jan Philip Reemtsma beschrieb dies treffend als «Nachbarschaft als Gewaltressource». Reemtsma illustriert dies am ewigen Kleinkrieg zwischen Donald Duck und seinem Nachbarn Zorngiebel: Unter friedlichen, rechtsstaatlichen Bedingungen bleibt der Streit harmlos. Ändern sich aber die Regeln, wird die Nachbarschaft plötzlich zur legalen Gelegenheitsstruktur, um den ungeliebten Nachbarn mit staatlicher Hilfe ungestraft und existentiell zu vernichten.

Unkonventionelle Allianzen statt Abgrenzung

Was lässt sich gegen diese Dynamik tun? Welzer fordert eine radikale Abkehr vom bisherigen Verhalten progressiver Kreise. Derzeit bestimmen die Gegner der offenen Gesellschaft das Tempo. Die Verteidiger der Demokratie könnten sich den Luxus intellektueller Differenzierung und moralischer Abgrenzung schlicht nicht mehr leisten.

Es brauche unkonventionelle Bündnisse. Um das Fundament der Gesellschaft zu erhalten, müssten Umweltschützer mit Waldbesitzern kooperieren und Kapitalismuskritiker mit Unternehmern zusammenarbeiten. Die Spaltung in immer kleinere, moralisch reine Splittergruppen schwäche die demokratische Mehrheit im Kampf gegen den autoritären Rollback. Zudem müsse der Kulturbetrieb aufhören, permanent zu «senden» – also andere belehren zu wollen. Gefragt sei das «Empfangen»: das gemeinsame Lernen und Zuhören in einer unübersichtlichen historischen Umbruchphase.

Reale Begegnung im Wohnzimmer der Gesellschaft

Trotz der düsteren Diagnose sieht Welzer Grund zur Hoffnung. Das reale Verhalten der Menschen unterscheide sich drastisch vom verzerrten, dauererregten Bild in den sozialen Medien. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung verhalte sich im Alltag nach wie vor hilfsbereit, friedlich und anständig. Doch die Medien fokussieren sich auf die lauten Konflikte. Die anständige Mehrheit bleibt in dieser Dauererregung unsichtbar.

Um diese positiven Kräfte zu aktivieren, braucht es analoge Räume. Welzer verweist auf die Zentralbibliothek Oodi in Helsinki, die sich als offenes «Wohnzimmer der Stadt» versteht – ein Ort zum Kochen, Musikmachen und einfachen Verweilen. Inspiriert davon gründete Welzers Initiative die Plattform «wohnzimmerdergesellschaft.org». Innerhalb weniger Wochen wurden dort über 360 analoge Begegnungsorte registriert. Solche realen Räume sind laut Welzer existentiell, da sich sozialer Zusammenhalt und demokratische Vergewisserung nicht im digitalen Raum herstellen lassen.