Wenn Korruption zur Normalität wird

Lafontaine eröffnet mit einer These, die provozieren soll: Trumps Wiederwahl sei das „kleinere Übel” gewesen – nicht weil Trump besser wäre, sondern weil er weniger heuchle. Die Korruption der Clintons, Obamas und Bidens sei genauso offensichtlich wie seine. Als Beleg zieht Lafontaine eine persönliche Begegnung heran: Clinton lehnte seine Vorschläge zur Finanzmarktregulierung ab mit dem Hinweis, die Wall Street habe seinen Wahlkampf finanziert. Sein Fazit: „Die der Demokratischen Partei angehörenden Präsidenten kämpften in ihren Kriegen angeblich für Freiheit und Demokratie, in Wirklichkeit aber ging es immer um Macht, Einflusszonen, Rohstoffe und Absatzmärkte.”

Lafontaines Stärke liegt darin, nicht zu empören, sondern zu beschreiben. Die USA sind für ihn kein „beacon of democracy”, sondern ein Imperium, das seine Interessen militärisch durchsetzt – egal ob Demokrat oder Republikaner im Oval Office sitzt.

Ukraine-Krieg: Europas Selbstbetrug

Hier wird Lafontaine besonders direkt. Trump hatte die NATO-Osterweiterung als Hauptursache des Konflikts benannt und angedeutet, Russlands Sicherheitsinteressen ernst nehmen zu wollen. Die europäischen Verbündeten blockierten Verhandlungen mit „unrealistischen Forderungen” – und verlängerten den Krieg damit. Trumps Desinteresse an der Ukraine ist für Lafontaine die logische Konsequenz: „Die Europäer sollen doch sehen, wie sie allein zurechtkommen.”

Die bittere Pointe: Europa gibt sich als moralische Instanz, handelt aber als Vasall Washingtons. Lafontaine zitiert Politologen John Mearsheimer, der die US-Kriege seit 1971 auf 38 Millionen Tote beziffert – ein Preis, den Europa mitbezahlt, unter anderem durch Einrichtungen wie den Flughafen Ramstein. Die Frage, die Lafontaine nicht explizit stellt, aber deutlich meint: Warum finanziert Europa einen Krieg, den es nicht gewinnen kann – und der es wirtschaftlich schwächt?

Nahost: Zynismus als Methode

Auch im Nahen Osten zeichnet Lafontaine ein widersprüchliches Bild. Trump stoppte das „Gemetzel im Gazastreifen” – und griff gleichzeitig den Iran an, „weil Netanjahu es so wollte”. Keine strategische Logik, sondern kurzfristige Allianzen und persönliche Impulse. Besonders Trumps Drohung, den Iran „in die Steinzeit zurückzubomben”, stellt Lafontaine neben die israelische Bezeichnung der Palästinenser als „menschliche Tiere”. Den Begriff Faschismus verwendet er dabei nicht als Schimpfwort, sondern als Analysekategorie: Es geht um die Entmenschlichung des Gegners, um Gewalt zu legitimieren.

Das Systemproblem: Wenn niemand auf die Bremse tritt

Lafontaines eigentlicher Angriffspunkt ist nicht Trump als Person, sondern das System, das ihn möglich macht. Er verweist auf den ehemaligen CIA-Direktor John O. Brennan, der Trumps Absetzung wegen „Geisteskrankheit” forderte – und fragt indirekt: Warum gibt es keine Mechanismen, um einen Präsidenten zu stoppen, der mit Atomwaffen droht? Sein Vorschlag: ein „Scherbengericht” nach athenischem Vorbild, das Politikern wie Trump, Merz oder Macron die Macht entziehen könnte.

Illusionen macht er sich keine. Solange die USA für ihre Kriege keine eigenen Kosten tragen – keine Angriffe auf eigene Städte fürchten müssen –, ändert sich nichts. Sein Schlusszitat, Henry Kissinger zugeschrieben: „Wer die Energieströme kontrolliert, beherrscht die Welt.” Nur dass selbst diese Maxime gescheitert sei, weil Länder wie der Iran gelernt hätten, das Spiel mitzuspielen.

Frieden als einzige Alternative

Lafontaines Text ist keine Streitschrift, sondern eine Abrechnung mit Denkfehlern. Sein Verdikt: Weder Trump noch die Demokraten bieten Lösungen, weil das Problem nicht in einzelnen Personen liegt, sondern in der Logik der US-Hegemonie. Sein Appell ist knapp: „Krieg ist kein Mittel der Politik, und Frieden ist zwar nicht alles, aber ohne ihn ist alles nichts.”

Was bleibt, ist eine unbehagliche Frage: Wenn selbst ein Zyniker wie Trump gelegentlich zur Deeskalation beiträgt – warum bringt Europa keine eigenständige Friedenspolitik zustande?