Wie die Tagesschau Meinungen macht


Die neutrale Fassade
Dr. Jonas Tögel, Amerikanist und Propagandaforscher, hat sich drei Ausgaben der Tagesschau vom 18. bis 20. August 2025 vorgenommen. Sein Fazit: Die Sendung nutzt eine «neutrale Verpackung», um Glaubwürdigkeit aufzubauen – doch im Anschluss folgen systematisch einseitige Kommentare, Expertenmeinungen und emotionale Bilder, die eine klare Botschaft transportieren: Russland ist der Aggressor, Verhandlungen sind unmoralisch, und der Krieg muss weitergehen.
Tögel beschreibt dieses Vorgehen als Abwandlung des «Fuss-in-der-Tür-Prinzips»: Zuerst wird mit seriösen Berichten Vertrauen geschaffen, dann werden manipulative Inhalte nachgeschoben. «Die Tagesschau liefert am Anfang oft eine ausgewogene Darstellung», so Tögel. «Doch im Nachgang kommt der Spin – und der ist fast immer gegen Frieden gerichtet.»
Propaganda-Technik 1: Identifizierbare Opfer, abstrakte Täter
Ein zentrales Muster ist die emotionale Aufladung durch identifizierbare Opfer. Tögel verweist auf einen Bericht vom 18. August, in dem ein Tagesschau-Korrespondent aus Kiew von russischen Drohnenangriffen erzählt: «Heute gab es erneut heftige russische Angriffe. In Charkiv ist eine Drohne in ein Wohnhaus geflogen. Mindestens sieben Menschen wurden getötet, darunter ein eineinhalb Jahre altes Mädchen.»
Die Botschaft ist klar: Mit einem Land, das solche Verbrechen begeht, kann man nicht verhandeln. Doch Tögel fragt: «Warum kommt die russische Perspektive kaum vor?» Während ukrainische Zivilisten mit Namen und Gesichtern gezeigt werden, bleibt die russische Bevölkerung abstrakt – oder wird als «Aggressor» pauschalisiert.
Harold Leswell, ein US-amerikanischer Propagandaanalytiker, beschrieb dieses Phänomen bereits im 20. Jahrhundert: «Der psychologische Widerstand gegen Krieg ist so gross, dass jeder Krieg als Verteidigungskrieg gegen einen ‚mörderischen Aggressor‘ dargestellt werden muss.» Genau das passiere in der Tagesschau, so Tögel.
Propaganda-Technik 2: Experten als Meinungsmacher
Ein weiteres Muster ist die selektive Auswahl von Experten. Im analysierten Zeitraum kommt etwa Christine Beresina vom German Marshall Fund (einem US-amerikanischen Think Tank) zu Wort. Sie erklärt, der Ukraine-Krieg sei kein regionaler Konflikt, sondern gehe um «die Zukunft der europäischen Sicherheitsordnung». Was das konkret bedeutet, bleibt offen – doch die Botschaft ist: Dieser Krieg ist existenziell, und wir müssen ihn führen.
Tögel kritisiert: «Es fehlen Experten, die russische Sicherheitsinteressen erklären.» Stattdessen werde die russische Position – etwa die Forderung nach Neutralität der Ukraine – als «unverschämt» dargestellt. Ein Kommentator sagt gar: «Was kann Russland davon abhalten, die Menschen hier in ein paar Jahren nicht wieder anzugreifen?» Die Antwort liegt auf der Hand: Nur militärische Stärke – nicht Verhandlungen.
Beispiel: Die «Friedensdebatte» als Farce
Am 20. August berichtet die Tagesschau über die Diskussion, ob deutsche Soldaten in die Ukraine entsandt werden sollen. Während Jens Spahn (CDU) und andere Politiker zu Wort kommen, fehlt eine zentrale Information: Russland lehnt NATO-Truppen in der Ukraine kategorisch ab – und droht mit einer Kriegserklärung. Stattdessen wird ein junger Mann gezeigt, der sagt: «Ich melde mich bei der Bundeswehr, um meinen Teil beizutragen.»
Tögel nennt das «reine Stimmungsmache». «Man hätte genauso gut einen Friedensaktivisten zeigen können, der sagt: ‚Wir brauchen keine weiteren Waffen, sondern Verhandlungen.‘ Doch das unterbleibt.»
Propaganda-Technik 3: Fakten werden weggelassen oder verzerrt
Besonders eklatant ist die Verzerrung von Fakten. Tögel nennt zwei Beispiele:
- Die Ernte 2025:
Die Tagesschau behauptet, «Russland drücke mit seinen Ernten die Getreidepreise» – und ruiniert damit deutsche Bauern. Doch im Originalbericht des Deutschen Bauernverbandes steht kein Wort von Russland. Stattdessen kritisiert der Verband Bürokratie und politische Vorgaben. «Die Tagesschau hat hier einfach eine Lüge eingebaut», so Tögel.
- Polizeigewalt in Serbien – aber nicht in Deutschland:
Ein Bericht zeigt Polizeigewalt gegen Demonstranten in Serbien. Tögel fragt: «Warum wird nicht über Polizeigewalt in Deutschland berichtet?» Etwa während der Corona-Proteste, als der UN-Sonderberichterstatter Nils Melzer von «Systemversagen» sprach. «Die Tagesschau hat Melzer nie erwähnt. Das ist einseitiger Moralismus – und der ist Propaganda.»
Die Tagesschau als Werkzeug der kognitiven Kriegsführung
Tögel zieht ein ernüchterndes Fazit: «Die Tagesschau ist kein neutrales Medium, sondern ein Akteur in der kognitiven Kriegsführung.» Durch Ausblenden russischer Perspektiven, emotionale Manipulation und selektive Fakten werde die Bevölkerung auf Konfrontation statt auf Frieden eingeschworen.
Sein Appell: «Hinterfragen Sie, was Sie sehen. Fragen Sie: Wer kommt zu Wort? Wer nicht? Und wem nützt diese Darstellung?» Denn wie die Bundeszentrale für politische Bildung definiert: «Propaganda zeichnet sich dadurch aus, dass sie verschiedene Seiten einer Thematik nicht darlegt und Meinung mit Information vermischt.»
Genau das tut die Tagesschau. Und das ist gefährlich – für den Frieden in Europa.