
Westliche Berichterstattung über Gaza
Lehrbuchbeispiel für Kolonialjournalismus
Unter dem provokanten Titel «Westliche Berichterstattung über Gaza: Ein Lehrbuchbeispiel für Kolonialjournalismus» rechnet die indische Journalistin Vidya Krishnan scharf mit der Art und Weise ab, wie westliche Medien über den Nahostkonflikt berichten. Anlass ihrer Kritik ist die Berichterstattung über die jüngste Eskalation der Gewalt zwischen Israel und militanten Palästinenserorganisationen wie der Hamas. Krishnan wirft westlichen Nachrichtenorganisationen vor, sie hätten «die wahre Natur und den Zweck der westlichen Medien enthüllt».
von Redaktion | 4. Februar 2024
«Israels Krieg gegen Gaza hat die wahre Natur und den Zweck der westlichen Medien enthüllt», schreibt Krishnan gleich zu Beginn.
Was sie dann im weiteren Verlauf des Artikels darlegt, ist eine fundamentale Kritik an der Arbeitsweise westlicher Journalisten und Redaktionen bei der Berichterstattung über den Nahostkonflikt. Diese Arbeitsweise beschreibt Krishnan als «Kolonialjournalismus» – eine ideologisch gefärbte und rassistisch-kolonialistische Sicht auf die Ereignisse in Palästina, die lediglich der Aufrechterhaltung und Rechtfertigung bestehender Machtverhältnisse diene.
Ein zentraler Kritikpunkt ist für Krishnan die einseitige, pro-israelische Perspektive in der Darstellung der Ereignisse:
“Seit Beginn des jüngsten israelischen Angriffs auf den belagerten palästinensischen Küstenstreifen – der sich als eine der schnellsten ethnischen Säuberungen der Geschichte erweist – haben westliche Nachrichtenorganisationen wiederholt unbewiesene Behauptungen aufgestellt, nur eine Seite der Geschichte erzählt und die Gewalt selektiv beschönigt, um Israels Verstösse gegen das Völkerrecht zu rechtfertigen und sie vor einer genaueren Untersuchung zu schützen”.
Als konkretes Beispiel nennt Krishnan einen Bericht der New York Times, in dem diese erst im zweiten Absatz den Tod von sechs palästinensischen Kindern bei einem israelischen Luftangriff erwähnte, gleichzeitig aber ohne Beleg die israelische Behauptung übernahm, die Kinder seien durch fehlgeleitete Raketen der Hamas getötet worden. Wie sich später herausstellte, war die israelische Armee selbst für den Angriff verantwortlich.
Neben der einseitigen Darstellung kritisiert Krishnan auch den entmenschlichenden Sprachgebrauch westlicher Medien gegenüber palästinensischen Opfern sowie die konsequente Ausblendung des historischen Hintergrunds der israelischen Besatzung. Insgesamt trage diese Berichterstattung dazu bei, die Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten und Israel jede Aggression und Menschenrechtsverletzung zu erlauben:
“Nach der Propagandamaschinerie des Westens hat Israel das Recht, (…) jedes andere Land in der Region zu zerstören, um die Israelis zu schützen. Es kann fast jeden Muslim töten, Juden, die einen Waffenstillstand fordern, UN-Mitarbeiter und Ärzte von Ärzte ohne Grenzen (…)”.
Krishnan bringt die kritisierten Praktiken mit dem Kolonialismus in Verbindung – westliche Medien seien von einem imperialistischen und rassistischen Weltbild geprägt, in dem europäische Staaten per se als moralisch überlegen dargestellt würden. In Bezug auf Israel bedeute dies, dass dessen Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen stets beschönigt, ignoriert oder gerechtfertigt würden.
Dieser entmenschlichende Sprachgebrauch war am deutlichsten bei der Zählung der Toten zu sehen. Anfang November vermerkte die Times of London, «Die Israelis gedachten eines Monats, seit die Hamas 1.400 Menschen tötete und 240 entführte, einen Krieg auslösend, in dem 10.300 Palästinenser ums Leben gekommen sein sollen».
«In westlichen Nachrichten sterben Israelis im Aktiv – die Hamas “tötete” oder “ermordete” sie – während Palästinenser passiv sterben. Sie “dehydrieren zu Tode, weil ihnen das saubere Wasser ausgeht”, wie es der Guardian einmal formulierte, als ob es sich dabei nicht um ein vorsätzliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sondern um einen zufälligen Akt Gottes handelt.»
Abschließend warnt Krishnan, dass dieser offensichtliche “Kolonialjournalismus” nicht nur der Glaubwürdigkeit westlicher Medien schade, sondern letztlich auch der moralischen Autorität des Westens insgesamt – wenn dieser massenhaftes Leid stillschweigend hinnehme oder seine Verbündeten wie Israel decke:
«Zu dieser späten Stunde, während der Krieg tobt, Kinder verhungern und Israel wegen “plausiblen Völkermords” vor Gericht steht, ist es wichtig, auf das Blut hinzuweisen, das an den Händen westlicher Journalisten klebt.»
Krishnans Artikel liefert eine vernichtende Abrechnung mit den Defiziten der westlichen Nahostberichterstattung, deren Realitätsnähe und Objektivität sie grundsätzlich in Frage stellt. Sie konstatiert nicht nur einzelne handwerkliche oder fachliche Fehler, sondern wirft eine ideologische Voreingenommenheit zugunsten der israelischen Position vor. Insgesamt eine Stimme, die zur kritischen Reflexion eigener eurozentristischer Sichtweisen zwingt.