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Sterotypen – warum nicht?
Der renommierte britische Literaturprofessor Terry Eagleton provoziert gerne. In seiner Kolumne in «Unherd» nimmt er sich ein Tabu der modernen Gesellschaft vor: die Stereotypisierung. Mit Verve und Scharfsinn plädiert er dafür, Vorurteile nicht pauschal zu verurteilen, sondern genauer hinzuschauen - und kommt zu überraschenden Schlüssen.
«Alle scheinen sich einig zu sein, dass man Menschen nicht in Schubladen stecken sollte», schreibt Eagleton gleich zu Beginn seines Essays. Männer und Frauen seien «einzigartig individuell» und dürften daher nicht stereotypisiert werden. Doch so einfach will es sich der streitbare Intellektuelle nicht machen. Er bohrt nach: Warum eigentlich nicht?
Zunächst räumt Eagleton mit dem Vorurteil auf, alle Stereotype seien negativ und beleidigend. Als Beispiel führt er die Iren an, die in der Vergangenheit nicht nur als «nutzlos, dumm und streitsüchtig» bezeichnet wurden, sondern auch als «charmant, witzig und gastfreundlich». Viele Stereotype, so der Professor, enthielten durchaus «ein Körnchen Wahrheit, in stark verzerrter Form». Historische Realitäten böten oft eine gewisse Grundlage für Vorurteile.
Faule Iren
So galten die Iren manchmal als faul und anarchisch veranlagt – was Eagleton mit ihren Lebensumständen erklärt. Kartoffelanbau etwa erfordere «keine allzu grosse Anstrengung». Und dass die Iren sich gegenüber den Gesetzen der britischen Kolonialmacht «unbekümmert» zeigten, sei kaum erstaunlich. Für die von der industriellen Revolution disziplinierten Briten habe all dies wie «irische Faulheit» ausgesehen.
In Belfast, so Eagleton weiter, herrsche noch immer die Überzeugung, dass man einem Menschen ansehen könne, ob er katholisch oder protestantisch sei – was «bei anständigen Linksliberalen natürlich Empörung» hervorrufe. Doch auch hier gebe es einen wahren Kern: Eine schwarzhaarige, blauäugige Frau stamme wahrscheinlich von irischen Gälen ab und sei somit Katholikin, während ein kleiner rothaariger Mann wohl schottischer Herkunft und Protestant sei.
Eagleton betont, dass viele Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Menschengruppen nicht genetisch, sondern kulturell-historisch bedingt sind: Die Presbyterianer in Ulster etwa seien nicht für Humor bekannt – wegen ihres «schottisch-puritanischen Erbes». Die «Beherrschtheit der Briten» sage weniger über ihre Natur aus als über die «historische Notwendigkeit, in den Augen der Kolonialuntertanen keine Schwäche zu zeigen».
Natterngezücht
Natürlich, räumt der Professor ein, gebe es «abscheulich beleidigende» Stereotype. Aber selbst Jesus habe sich nicht gescheut, die Pharisäer und Sadduzäer zu attackieren: Im Matthäus-Evangelium nenne er sie ein «Natterngezücht». Der Sohn Gottes scheine sich «wenig aus den Benimmregeln einer modernen Mittelschicht gemacht zu haben».
Banker im Gorillakostüm
Grundsätzlich hält Eagleton Stereotype für «unabdingbar» für das gesellschaftliche Zusammenleben. Sie erlaubten eine «grobe Erwartungshaltung» gegenüber anderen – ohne die käme das soziale Leben «zum Erliegen». Es wäre schwierig, meint er ironisch, wenn ein Bankberater «in einem Gorillakostüm» zum Termin erschiene, statt wie erwartet im Anzug.
Keine Psychiatrie mehr
Demgegenüber kritisiert Eagleton den populären Slogan, jeder Mensch sei anders. Wenn dies zuträfe, «wären alle Vergleichsmöglichkeiten dahin». Es gäbe dann keine psychiatrischen Dienste, da die Psychiatrie «von bestimmten einheitlichen Verhaltensmustern» ausgehe. Auch die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften hätten keine Handhabe.
Als Beispiel führt der Professor die «parallelen Warteschlangen» in Supermärkten an, die immer «ungefähr gleich lang» seien. Der Grund: Man könne davon ausgehen, dass Menschen keine Lust hätten, «bei bestimmten mühsamen Tätigkeiten mehr Zeit zu verbringen als irgend notwendig». Deshalb fühlten sich alle zur kürzesten Schlange hingezogen – wodurch sich die Wartezeiten angleichten.
In einem Paradox der Moderne sieht Eagleton die Tatsache, dass der Einzelne heute «in wirtschaftlicher Hinsicht als austauschbar, in ideologischer Hinsicht jedoch als einzigartig» betrachtet werde. Niemand interessiere sich für die «unvergleichliche Individualität» eines Bewerbers auf eine Stelle als Reinigungskraft. Zugleich werde ständig an die «Kostbarkeit eines jeden» appelliert.


