freier denken
Das Magazin gegen Dummheit

Wie die Schweiz zur Geldmaschine wurde
Die Schweiz gilt als die reichste Anomalie der Welt. Doch ihr Erfolg ist kein Zufall. Der marxistische Ökonom Richard Wolff erklärt, wie Neutralität und Bankgeheimnis strategisch zu Werkzeugen der Kapitalakkumulation wurden – auf Kosten globaler Steuergerechtigkeit.
Die Schweiz stellt eine ökonomische Anomalie dar. Ihr Reichtum beruht nicht auf natürlichen Vorteilen, sondern auf der bewussten Umwandlung geografischer Nachteile in strategische Vorteile. Der US-amerikanische marxistische Ökonom Richard D. Wolff analysiert die Entstehung des helvetischen Wohlstandsmodells. Das Land hätte aufgrund seiner Binnenlage, Ressourcenarmut und zerklüfteten Alpen eigentlich arm sein müssen, entwickelte sich aber zu einem «globalen Bollwerk» des Kapitals.
Wolff betont, die Anfänge des Landes seien 1291 in einem Versprechen der gegenseitigen Verteidigung besiegelt worden. Nachdem die Schweizer 1515 in der Schlacht bei Marignano eine verheerende Niederlage erlitten, erkannten sie, dass sich das Soldwesen – die Vermietung ihrer kampferprobten Einheiten an europäische Mächte – als Exportprodukt besser eignete als die eigene Kriegsführung.
Neutralität als Geschäftsmodell des Kapitals
Die entscheidende Wende kam 1815, als die europäischen Grossmächte die Schweizer Neutralität formell garantierten. Dieses politische Versprechen machte die Schweiz in den Augen der Eliten zum sichersten Ort des Kontinents. Wolff argumentiert, dass dies der Schlüssel zur Verwandlung des Landes in eine «wirtschaftliche Grossmacht» war: Vermögenswerte konnten hier ohne die Furcht vor Krieg, Revolution oder Beschlagnahmung durch feindliche Regierungen gelagert werden.
Besonders zynisch stellt sich die Neutralität im Zweiten Weltkrieg dar. Laut Wolff war diese primär eine ökonomische und nicht eine moralische Entscheidung. Schweizer Banken lagerten Gold des Dritten Reiches, darunter auch Raubgut aus eroberten Zentralbanken und von jüdischen Opfern. Gleichzeitig führten sie Konten für jüdische Haushalte und andere Flüchtlinge, die verzweifelt versuchten, ihr Vermögen vor den Achsenmächten in Sicherheit zu bringen. Während Europa zerstört wurde, blieb die Schweiz unversehrt und war perfekt auf den Wiederaufbau vorbereitet – ein klarer Fall, in dem die Neutralität dem Kapital der Profiteure diente.
Das Bankgeheimnis als Instrument der globalen Elite
Der zweite systemtragende Pfeiler ist das Bankgeheimnis, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1713 zurückreichen. Dieses wurde 1934 mit einem Bundesgesetz zementiert und machte das Land zu einem bevorzugten «Safe Haven» für globale Steuerhinterzieher und kriminelle Gelder. Wolff konstatiert, dass die gleiche Geheimhaltung, die Flüchtlinge schützte, stets auch das geplünderte Vermögen von Diktatoren, Mafiagrössen und korrupten Funktionären abschirmte.
Der Kern des Geschäftsmodells ist nicht einfach nur Geheimhaltung, sondern Vertrauen – das Vertrauen der globalen Kapitalistenklasse, dass ihre Vermögenswerte in der Schweiz vor Zugriff und Besteuerung geschützt sind. Die Alpen, einst ein Hindernis, wurden zu «unüberwindbaren Tresoren» für Gold und Edelsteine umfunktioniert. Wolffs Analyse zeigt, dass trotz jahrzehntelangem internationalen Druck der Kern des Bankgeheimnises dank «sorgfältiger semantischer Unterscheidungen» zwischen Steuervermeidung und Steuerhinterziehung weitgehend intakt blieb. Die Gesamtvermögen im Schweizer Bankensystem übersteigen mit über drei Billionen US-Dollar das gesamte Bruttoinlandprodukt des Landes um ein Vielfaches.
Humankapital für die Kapitalverwertung
Um ihren Mangel an Rohstoffen zu kompensieren, investierte die Schweiz frühzeitig und bewusst in Humankapital. Wolff sieht darin eine strategische Notwendigkeit, da der Staat den Wert nicht aus dem Boden, sondern aus dem «Geist der Menschen» schaffen musste. Das duale System der Berufsbildung dient als perfekter Motor für die kapitalistische Effizienz. Es produziert eine Arbeitskraft, die vom ersten Tag an praktisch versiert ist, wodurch die Lücke zwischen Theorie und industriellem Bedarf eliminiert wird. Dieses System stellt sicher, dass die exportorientierte Hochwertindustrie – von Pharmazeutika bis hin zu Luxusuhren – über einen ständig nachwachsenden Pool an hochqualifizierten, spezialisierten Arbeitskräften verfügt.
Das Währungs-Dilemma der SNB
Das politische System der direkten Demokratie gewährleistet zwar Stabilität, hat sich aber auch als starker gesellschaftlicher Bremsklotz erwiesen – sichtbar etwa an der späten Einführung des Frauenstimmrechts im Jahr 1971.
Der grösste ironische Widerspruch zeigt sich jedoch im «Fluch des Erfolgs». In Krisenzeiten flüchtet Kapital in den Schweizer Franken, was dessen Wert massiv stärkt. Dies macht die Hochwert-Exporte des Kapitals – jene Produkte, die auf der hochentwickelten Arbeitskraft basieren – teurer und unkonkurrenzfähig. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) sieht sich daher gezwungen, massiv zu intervenieren. Sie druckt Franken und kauft dafür ausländische Vermögenswerte in gigantischem Umfang. Dieses Portfolio von rund einer Billion US-Dollar – grösser als das gesamte Bruttoinlandprodukt – macht die SNB zu einem Grossaktionär in US-Unternehmen wie Apple und Amazon.
Wolff resümiert, dass diese Politik die Schweiz in eine Falle manövriert hat, in der sie sich dem Vorwurf der Währungsmanipulation ausgesetzt sieht. Der Verkauf dieses Portfolios würde den Franken wieder stärken und damit dem exportierenden Grosskapital schaden. Die Schweiz ist somit nicht einfach ein nachahmenswertes Modell, sondern ein einzigartiges, nicht replizierbares System zur globalen Kapitalakkumulation, das seine Nachteile strategisch in Vorteile für eine internationale Elite umgewandelt hat.
Richard David Wolff (* 1. April 1942 in Youngstown, Ohio) ist ein US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler. Er forschte an der University of Massachusetts in Amherst zur ökonomischen Methodologie und zur Klassenstruktur der Vereinigten Staaten. Er ist emeritierter Professor der University of Massachusetts, Amherst und Gastprofessor im Graduiertenprogramm für Internationale Politik der New School University in New York. Er lehrte an der Yale University, City University of New York, der University of Utah, der University von Paris I (Sorbonne) und am Brecht Forum in New York City. Bekannt wurde sein Buch „Occupy the Economy: Challenging Capitalism“[1] durch die Bewegung „Occupy Wall Street“.
1988 war er Mitbegründer der Zeitschrift Rethinking Marxism. 2010 publizierte er Capitalism Hits the Fan: The Global Economic Meltdown and What to Do About It. 2012 erschienen drei weitere Bücher: Occupy the Economy: Challenging Capitalism mit David Barsamian (San Francisco: City Lights Books), Contending Economic Theories: Neoclassical, Keynesian, and Marxian mit Stephen Resnick (Cambridge, MA und London: MIT University Press) und Democracy at Work (Chicago: Haymarket Books).
Wolff moderiert das wöchentliche einstündige Radioprogramm Economic Update auf WBAI, 99.5 FM, New York City (Pacifica Radio) und ist häufiger Gast im Fernsehen oder Interviewpartner in den Print- und Internetmedien.
The New York Times Magazine bezeichnete ihn als „Amerikas prominentesten marxistischen Ökonomen“.


