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«From the river to the sea»
Die Parole «From the river to the sea» steht im Zentrum einer hitzigen Debatte. Ihre Wurzeln liegen tief im Nahostkonflikt – doch wie wird sie heute verstanden? Ein Artikel von Wolf Wetzel auf dem Nachrichtenportal NachDenkSeiten beleuchtet die verschiedenen Perspektiven in Israel, Palästina und Deutschland.
Die Parole «From the river to the sea» entstand nach dem Sechstagekrieg 1967, als Israel das Westjordanland, den Gazastreifen und die Golanhöhen besetzte. Sie forderte ein Palästina, das Gleichheit und Säkularität verkörpert. Einige verbanden damit den Traum einer sozialistischen Gesellschaft ohne Unterschiede in Nationalität, Religion oder Geschlecht. Wolf Wetzel beschreibt, dass diese Forderung nicht religiös oder nationalistisch war, sondern eine gerechte, inklusive Gesellschaft anstrebte. Heute ist die Idee Palästinas weit entfernt; die Realität ist von Flucht, Unterdrückung und Überlebenskampf geprägt. Die politische Lage hat sich verschlechtert, und viele Palästinenser sehen keine Aussicht auf ein Ende der Besatzung oder bessere Lebensbedingungen.
Die Parole in Israel
In Israel hat die Parole eine andere Bedeutung angenommen. Für einige, wie Finanz- und Siedlungsminister Bezalel Smotrich, steht sie für ein Gross-Israel, das Jerusalem, den Gazastreifen und das Westjordanland umfasst. Diese Vision wird von Teilen der israelischen Regierungspolitik unterstützt, mit Hilfe paramilitärischer Siedlergruppen, die Palästinenser vertreiben. Wolf Wetzel beschreibt, dass Smotrich und andere den Krieg im Gazastreifen als notwendigen Schritt sehen, um diese Vision zu verwirklichen. Diese Expansionspolitik eskaliert die Gewalt in der Region. Die israelische Armee und Siedlergruppen arbeiten oft zusammen, was die Lage für Palästinenser verschärft. Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, bei denen Palästinenser getötet oder vertrieben werden.
Die Parole in Deutschland
In Deutschland gilt die Parole meist als antisemitisch und wird strafrechtlich verfolgt. Historisch unbedafte Strafverfolger unterstellen ihr versteckte Vernichtungsfantasien gegen Israel. Diese krude Sichtweise verbreiten viele deutsche Medien und Politiker, was die öffentliche Debatte stigmatisiert. Wolf Wetzel kritisiert, dass diese Interpretation oft unreflektiert übernommen wird, ohne die historische und politische Komplexität zu beachten. Die jüngsten Eskalationen in Gaza, die Israels Propaganda als «Recht auf Selbstverteidigung» bezeichnet, führen jedoch auch zu kritischen Stimmen. Prof. Oren Yiftachel* erklärt, Israel verfolge im Gazastreifen das Ziel, die jüdische Vormachtstellung zu vertiefen. Diese Entwicklung nennt er Israels ersten Apartheidkrieg. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen teilen diese Einschätzung und bezeichnen Israels Politik im Westjordanland und Gazastreifen als systematische Diskriminierung der Palästinenser. Der Begriff Apartheid, ursprünglich für das rassistische Regime in Südafrika verwendet, wird zunehmend auch für die israelische Politik gebraucht.
Metas (Facebook, Instagram, Threads, WhatsApp) Überwachungsgremium hat am 4. September entschieden, dass die Verwendung des Slogans «Vom Fluss zum Meer, Palästina wird frei» auf Facebook nicht gegen die Richtlinien des Unternehmens verstösst, obwohl Israel behauptet, dass der Slogan Antisemitismus fördere. Das Gremium befand, dass die drei untersuchten Posts, welche den Slogan enthielten, keine Anzeichen für Hassreden, Gewalt, Aufruf zu Gewalt oder Unterstützung gefährlicher Organisationen und Personen zeigten. Das Gremium argumentierte, dass der Slogan verschiedene Bedeutungen habe und von verschiedenen Personen mit unterschiedlichen Absichten verwendet werde.
Hoffnung und Widerstand
Yiftachel sieht dennoch Hoffnung: Er glaubt, dass der wachsende Widerstand gegen Israels Politik die Kriegsmaschinerie stoppen könnte. Obwohl die Realität anders aussieht, erkennt er Anzeichen, dass die moralische Unterstützung für Israel bröckelt. Die zunehmende Kritik aus dem Ausland, besonders aus Europa und den USA, setzt die israelische Regierung unter Druck. Gleichzeitig wächst in Israel eine Friedensbewegung gegen die Besatzung und Regierungspolitik. Diese Bewegung ist klein, aber sie zeigt, dass es auch innerhalb Israels Widerstand gibt. Wolf Wetzel betont, dass dieser Widerstand langfristig wichtig sein könnte.
Verschiedene Perspektiven auf die Parole
Die Parole «From the river to the sea» bleibt ein Symbol mit unterschiedlichen Bedeutungen: ein palästinensischer Traum von Gerechtigkeit, die Expansion israelischer Kontrolle und ein Streitpunkt in Deutschland. Wolf Wetzel hebt hervor, dass die verschiedenen Interpretationen die tiefen Gräben im Nahostkonflikt verdeutlichen. Für viele Palästinenser ist sie ein Ausdruck von Hoffnung und Widerstand, während die israelische Regierung sie als Bedrohung sieht. In Deutschland symbolisiert sie den Umgang mit dem Nahostkonflikt und die historische Verantwortung gegenüber dem jüdischen Staat. Diese Perspektiven zeigen, wie komplex die Debatte ist und wie schwer es ist, eine gemeinsame Lösung zu finden.
Zukunft der Parole
Die Zukunft der Parole «From the river to the sea» hängt von der politischen Entwicklung in der Region ab. Gelingt es, den Friedensprozess wiederzubeleben und eine gerechte Lösung zu finden, könnte die Parole ihren bedrohlichen Charakter verlieren und ein Symbol der Versöhnung werden. Bis dahin bleibt sie ein Zeichen für die tiefen Konflikte und die ungleiche Machtverteilung zwischen Israel und Palästina. Solange die Besatzung andauert und sich die Lebensbedingungen der Palästinenser nicht verbessern, wird die Parole den Widerstand gegen Israels Politik ausdrücken. Gleichzeitig wird sie von der israelischen Regierung und ihren Unterstützern bewusst als Aufruf zur Zerstörung Israels missinterpretiert, was die Spannungen weiter anheizt.
* Oren Yiftachel (Hebräisch: אורן יפתחאל, geboren 1956) ist ein israelischer Professor für Politik und Rechtsgeographie, Stadtforschung und Stadtplanung an der Ben-Gurion Universität des Negev, in Beersheba. Er hat den Lynn and Lloyd Hurst Family Chair in Urban Studies inne. Yiftachel ist auch Aktivist und war Mitglied mehrerer namhafter Organisationen, darunter Faculty for Israel-Palestine Peace (FFIPP), PALISAD, The Negev Coexistence Forum, Adva (Zentrum für soziale Gleichheit) und Habitat International Coalition. In den letzten Jahren war Yiftachel Vorstandsmitglied und Vorsitzender von B’tselem – dem israelischen Informationszentrum für Menschenrechte in den besetzten Gebieten; und er ist Mitbegründer einer neuen israelisch-palästinensischen Friedensbewegung – “Ein Land für alle – Zwei Staaten, ein Heimatland”. Seit vielen Jahren arbeitet er als Planer und Anwalt der einheimischen Beduinen in der Negev/Naqab und anderen Regionen. Er schreibt gelegentlich Beiträge für führende israelische Zeitungen, darunter Haaretz, Ynet und Ma’ariv. Er ist Mitglied von Academia for Equality, einer Organisation, die sich für Demokratisierung, Gleichberechtigung und den Zugang zur Hochschulbildung für alle in Israel lebenden Gemeinschaften einsetzt.


