freier denken
Das Magazin gegen Dummheit

Gefährliches vom «Chefideologen»
Alexander Dugin behauptet, dass alle Gesellschaften, auch der liberale Westen, sich auf eine dominierende Ideologie stützen und Abweichler zensieren. Doch während der Westen auf Individualismus und Liberalismus beharrt, schlägt Dugin vor, Russland solle sich auf seine traditionellen Werte stützen und Zensurrichtlinien entsprechend anpassen.
Die Kernaussagen des Textes von Alexander Dugin lassen sich wie folgt zusammenfassen: Jede Gesellschaft ist von einer bestimmten Ideologie geprägt, und diejenigen, die diese Ideologie nicht unterstützen, werden zensiert und unterdrückt. Diese Ideologie erlaubt und verbietet, toleriert und verurteilt, was sie für richtig hält. Der Autor argumentiert, dass sich die modernen westlichen Gesellschaften nicht von den totalitären Regimen des letzten Jahrhunderts unterscheiden und dass der Liberalismus als ideologisches Fundament der westlichen Gesellschaften eine repressive Zensurkultur schafft.
Eines der Hauptanliegen des Autors ist die Kritik am Liberalismus und seiner angeblichen Tendenz zur Zensur und Unterdrückung nicht-liberaler Meinungen. Als Beispiel führt er den Fall von Kanye West und die Kontroverse um sein «White lives matter (too)»-T-Shirt an. Dugin argumentiert, dass solche Fälle zeigen, dass der Liberalismus tatsächlich intolerant gegenüber abweichenden Meinungen ist.
Diese radikale und problematische Sichtweise stellt eine Gefahr für die Freiheit des Einzelnen und die demokratischen Grundlagen einer Gesellschaft dar. Zensur und Unterdrückung werden vom Autor als unvermeidliche Folgen jeder Gesellschaft dargestellt. Dies ist eine äußerst beunruhigende und falsche Behauptung. Sie steht in direktem Widerspruch zu den Prinzipien der Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit und der Demokratie.
Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist ein Grundpfeiler jeder freien und demokratischen Gesellschaft. Es ermöglicht eine vielfältige und gesunde öffentliche Debatte, fördert Transparenz und macht Machthaber rechenschaftspflichtig. Zensur und Unterdrückung bedrohen diese Freiheit und schaffen die Grundlage für autoritäre Machtstrukturen.
Die Annahme, dass Liberalismus auf Zensur und Repression beruht, ist eine gefährliche Vereinfachung, die die Grundprinzipien des Liberalismus verkennt. Dazu gehören die Wertschätzung der individuellen Freiheit, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Meinungsfreiheit und die Achtung der Menschenrechte.
Dugin behauptet, dass «der Liberalismus seine Zensurpolitik auf Kritik, Marginalisierung und Dämonisierung aller nicht-liberalen Theorien, Wertesysteme und Praktiken aufbaut». Diese Behauptung stellt eine grobe Fehlinterpretation des Begriffs Liberalismus dar. Im Gegensatz zu dem, was der Autor impliziert, ist es gerade die liberale Ideologie, die Meinungsvielfalt und das Recht auf Dissens hochhält.
Der Autor beklagt auch die angebliche Verfolgung von Anhängern der klassischen Familie, von Patrioten und von Anhängern jeglicher kollektivistischer Doktrinen in liberalen Gesellschaften. Diese These ist irreführend. In einer liberalen Gesellschaft wird keiner dieser Gruppen der Zugang zu Massenmedien oder sozialen Netzwerken verwehrt, solange sie sich im Rahmen der Gesetze bewegen und die Rechte und Freiheiten anderer respektieren. Die vom Autor verwendeten Begriffe «Cancel Culture» und «Wokeism» werden häufig von Kritikern des Liberalismus verwendet, um angebliche Überempfindlichkeit und politische Korrektheit zu kritisieren. Sie stellen jedoch keine offiziellen Doktrinen des Liberalismus dar.
Während Dugin viel über die vermeintlichen Gefahren des Liberalismus spricht, gibt es wenig Reflexion über die Gefahren, die von zu viel staatlicher Kontrolle ausgehen könnten. Eine zentrale Passage des Artikels lautet: «Wir befinden uns in einem Zivilisationskrieg mit dem Westen, in dem die liberale Ideologie gesiegt hat. Wir halten an unseren traditionellen Werten fest.» Das ist nationalistisch und führt zu einer Überbetonung der «eigenen» Kultur und Werte gegenüber dem «Fremden» oder «Anderen».
Der Verfasser spricht sich offen für Zensur und Repression gegen Andersdenkende aus. Jegliche Abweichung von der als richtig erachteten «Ideologie» soll demnach unterbunden werden. Besonders besorgniserregend sind Passagen wie diese: «Entdeckt man, dass jemand Poppers Buch ‘Die offene Gesellschaft und ihre Feinde’ gelesen oder weitergereicht hat, oder ein ungesundes Interesse an der liberalen Satanistin Ayn Rand hat, sollte dieser jemand sofort registriert und unter Beobachtung genommen werden.»
Angesichts von Texten wie dem von Alexander Dugin müssen wir uns der Gefahren von Zensur und Unterdrückung bewusst sein und uns verstärkt für den Schutz unserer Freiheiten und Rechte einsetzen. Jeder Versuch, diese Rechte – einschließlich des Rechts auf freie Meinungsäußerung und des Rechts, die Meinungen und Ansichten anderer zu kritisieren – zu untergraben oder einzuschränken, stellt eine Bedrohung für unsere Demokratie dar. Auch wenn er aus den Reihen der «Liberalen» kommt. Stattdessen sollte eine lebendige Streitkultur gefördert werden, in der verschiedene Positionen in einen produktiven Dialog treten können. Nur so kann langfristig der Zusammenhalt unserer Gesellschaft gestärkt werden. Wichtig bleibt, dass dieser Diskurs auf Basis wechselseitigen Respekts geführt wird und niemand wegen seiner Überzeugungen ausgegrenzt oder diskriminiert wird.
Alexander Geljewitsch Dugin ist ein russischer ultranationalistischer Politiker, Politologe, politischer Philosoph und Publizist. Dugin ist Ideengeber einer extremen, intellektualisierten Neuen Rechten in Russland und gilt Beobachtern als Neofaschist und Vertreter eines eurasischen Imperialismus. Beobachter messen Dugin einen beträchtlichen Einfluss auf hohe Regierungskreise und Politiker in Russland zu bzw. titulieren ihn als „Chef-Ideologe“, „Vordenker“ oder „Zuflüsterer“ des russischen Präsidenten Wladimir Putin.


