
Satellitenbilder dokumentieren Israels Zerstörungswut
Satellitenbilder der Zerstörung
Der Text ist ein Auszug aus einem Film von ARTE Hintergrund, der die Zerstörung des Gazastreifens nach einem Jahr Krieg anhand von Satellitenbildern dokumentiert. Der Film zeigt die weitreichenden Folgen der israelischen Militäroperation für die Zivilbevölkerung, darunter die Zerstörung von Wohnhäusern, Schulen, Krankenhäusern und Friedhöfen. Er beleuchtet die dramatischen humanitären Folgen des Konflikts, wie Hunger, Wasserknappheit und die steigende Zahl von Binnenflüchtlingen.
von Redaktion | 18. Oktober 2024
Transkript des Films von «ARTE Hintergrund»:
(0:06) Beit Hanun, im Norden des Gazastreifens. Hier begann die israelische Gegenoffensive im Oktober 2023. (0:14) Die Stadt hatte damals rund 52.000 Einwohner.
Wie Satellitenbilder zeigen, wurde sie dem Erdboden gleich gemacht. (0:20) Auch die Felder in der Umgebung, grösstenteils zerstört. (0:28) Laut UNOSAT, dem UN-Analysedienst für Satellitenbilder, sind zwei Drittel der Anbauflächen im Gazastreifen verwüstet.
(0:35) Ein enormes Problem für die Bevölkerung, die in ihrer Gemüse- und Obstversorgung so gut wie autonom war. (0:40) Im Norden herrscht Hunger, umso mehr, weil auch die Nahrungshilfe nicht mehr ankommt. (0:46) Es gibt noch einige Privatunternehmen, die es schaffen, Gemüse und Obst in den Gazastreifen zu bringen.
(0:52) Aber die verlangen abnormale Preise. Zehn bis zwanzig Mal so viel wie früher. Das können sich die wenigsten leisten.
(1:01) Die Preise sind unvorstellbar. 100 Euro für ein Kilo Tomaten und 70 Euro für ein Kilo Kartoffeln. Wo gibt’s denn sowas?
(1:10) Das ist das Perverse: Die Israelis bombardieren unsere Felder, aber israelische Ware lassen sie durch. (1:19) Sie machen also noch Profit mit dem, was wir kaufen müssen, um essen zu können. (1:23) Und uns bleibt nichts anderes übrig, als diese israelische Ware teuer zu zahlen.
(1:31) Rami Abu Jamus lebt derzeit mit seiner schwangeren Frau und vier Kindern in einem Zelt in Deir al-Bala. (1:38) Mitten unter tausenden anderen Vertriebenen. Er verbringt seine Tage mit der Suche nach Holz, Wasser und Essen.
(1:44) Er hat ein bisschen Zeit gefunden und eine Handyverbindung, um von den dramatischen Zuständen im Gazastreifen zu berichten. (1:51) Von 2,3 Millionen Einwohnern sind zwei Millionen Binnenflüchtlinge. (1:56) Einen Krieg wie diesen hat die Welt noch nicht erlebt.
Von Gaza ist nichts mehr übrig. (2:00) Wir sind alle schon tot, leben aber weiter, leider. Das heisst, wir atmen.
Leben kann man das nicht nennen. (2:07) Wir begeben uns, dank weiterer Satellitenbilder, nach Sheikh Radwan, einem Viertel im Norden von Gazastadt, weitgehend zerstört. (2:15) Bekannt ist es für seinen Friedhof, auf dem der Hamas-Gründer Ahmad Yassin begraben liegt.
(2:20) Auch der Friedhof ist teilweise zerstört. In Gelb, die Gräber, die es nicht mehr gibt. (2:26) Letztes Frühjahr wurde fast die Hälfte der 45 Friedhöfe im Gazastreifen verwüstet.
(2:31) Laut offiziellen Angaben suchten die israelischen Soldaten dort nach Leichen von Geiseln. (2:36) Ein weiterer bekannter Ort in Sheikh Radwan ist das Regenwasserreservoir, hier im Jahr 2023 und hier 2024. (2:43) Wegen der Bombardements ist es mit Abwässern verseucht, Wasser ist absolute Mangelware.
(2:48) Viele Leute versuchen inzwischen, Brunnen zu graben. Es gibt kein Trinkwasser mehr. (2:54) Zum Glück ist das Meer nicht weit, aber sich im Meerwasser zu waschen, das ist nicht sehr angenehm mit dem ganzen Salz.
(3:01) Ich schäme mich, das zu erzählen, aber wir haben fast nichts mehr. (3:05) Keine Seife, kein Shampoo, keine Windeln für meinen Sohn, nicht einmal Monatsbinden für die Frauen. (3:11) Wir haben nichts mehr.
(3:14) Die Israelis töten uns nicht nur, sie machen nicht nur den Hunger zur Kriegswaffe, sondern auch die Hygiene. (3:22) Sie wollen, dass wir dreckig bleiben. (3:27) Das sind Satellitenbilder von Almukraka und Alsara, zwei Vorstädte im Süden von Gazastadt mit 11.500 und 5.300 Einwohnern vor dem Krieg.
(3:38) So sahen sie damals aus. Und so heute. (3:41) Laut UNOSAT waren im Mai 2024 Infrastruktur und Bausubstanz in Gaza zu zwei Dritteln zerstört.
(3:48) Hier stand eine Moschee. Mehr als 600 zerstörte Moscheen hat das palästinensische Statistikbüro seit vergangenem Jahr gezählt und drei Kirchen. (3:56) Hier stand eine Schule.
Über 400 Grundschulen, Gymnasien und Universitäten wurden zerstört oder beschädigt. (4:02) Sie dienten oft Binnenflüchtlingen als Notunterkunft. (4:05) Die Schulkinder sind jetzt alle am Arbeiten.
Sie müssen den Eltern dabei helfen, das Überleben zu sichern. (4:13) Sie verkaufen Wasser oder sonst was auf dem Markt, aber sie müssen alle arbeiten. (4:18) Das Problem dabei ist, dass sie damit doch ein bisschen etwas verdienen und deshalb gar nicht mehr in die Schule zurück wollen.
(4:26) Nicht nur Schulen, auch Krankenhäuser werden bombardiert. In Khan Yunis zum Beispiel weiter südlich. (4:33) Hier die Nasser Klinik 2023.
So sieht sie heute aus. (4:39) Hier fehlt das Dach, mehrere Gebäude liegen in Trümmern. Im Februar haben die israelischen Soldaten das Krankenhaus belagert.
(4:45) Laut dem palästinensischen Statistikbüro sind 34 Krankenhäuser komplett stillgelegt, 25 weitere beschädigt. (4:55) Jedes Mal, wenn die Besatzungsarmee in eine Stadt einmarschiert, ist das Krankenhaus ihr erstes Ziel. (5:01) Sie behaupten jedes Mal, dass sich dort Hamas-Kämpfer verstecken.
(5:05) Jedes Mal reden sie von einer Kommandostelle. Es läuft immer gleich, genau wie im Al-Shifa-Krankenhaus. (5:12) Sie sind gekommen, haben alles niedergebrannt und verwüstet.
(5:17) Das Untergeschoss mit der angeblichen Kommandostelle hat es dort aber nie gegeben. (5:22) Sie wollen alle von der Hamas betriebenen öffentlichen Dienste vernichten. (5:26) Und die erste Zielscheibe ist das Gesundheitswesen.
(5:32) Das sind Satellitenbilder von Rafah, ganz im Süden des Gazastreifens. (5:36) Auch hier wurden ganze Viertel dem Erdboden gleichgemacht. (5:39) Unweit der Stadt verläuft der Philadelphia-Korridor, ein Pufferstreifen zwischen dem Gazastreifen und Ägypten, den Israel kontrollieren will.
(5:47) Die Bilder zeigen es deutlich. Sämtliche Häuser entlang der Grenze liegen in Trümmern. (5:51) Insgesamt haben die Israelis im Gazastreifen 360.000 Gebäude zerstört.
(5:56) Die Israelis kennen keine rote Linie. Sie haben Museen zerbombt und niedergebrannt. (6:02) Tausend Jahre alte Kulturschätze wie den Hammam von Gaza dem Erdboden gleichgemacht.
(6:09) Genau wie unsere archäologischen Städte. (6:13) Hinter all dem steckt die Absicht, unsere Kultur, unsere Zugehörigkeit als Menschen auszulöschen. (6:20) Obwohl, Mensch ist schon zu viel gesagt.
Sie betrachten uns nicht als Menschen. (6:25) Sie wollen unsere Beziehung zu dem Land brechen, auf dem wir leben. Deswegen zerstören sie alles.
(6:32) Ob in Gaza, Syrien oder in der Ukraine, Satellitenbilder machen die Verwüstungen des Krieges heute für alle sichtbar. (6:38) In unserem Fall kommen sie von Vertical 52, Partnerunternehmen von Arte. (6:43) Es betreibt Satellitenjournalismus und verwendet dazu hauptsächlich Material der Europäischen Raumfahrtagentur, (6:49) gelegentlich auch von privaten Firmen, die besonders hochauflösende Bilder liefern.
(6:53) Ein Pixel entspricht in etwa 15 Zentimetern. (6:58) Mit sehr hoher Auflösung können wir ohne weiteres Fahrzeuge und sogar Personen erkennen. (7:04) Wir benutzen auch Algorithmen zur Bildbehandlung, um verschiedene Ursachen von Zerstörungen unterscheiden zu können.
(7:12) Eine Wasserfläche erzeugt zum Beispiel andere Reflexionen als eine raue oder staubige Oberfläche. (7:21) Das Wichtigste ist aber, jedes Bild in seinen Kontext einzuordnen. (7:25) Wir dürfen uns nicht einfach auf ein Satellitenbild aus dem All verlassen.
(7:29) Wir müssen immer seinen Kontext vor Ort begreifen. (7:33) Es gibt vielfältige Gründe, auf Satellitenbilder zurückzugreifen, etwa weil eine Region wie ein Kriegsgebiet nicht zugänglich ist (7:40) oder weil man die Dimension eines Phänomens zeigen will. (7:44) Im spezifischen Fall von Gaza wollten wir uns einen Eindruck von den Ausmassen der Zerstörungen verschaffen, über ein Jahr Krieg hinweg.
(7:53) Das gelingt ja nicht, indem wir von Haus zu Haus gehen und die Schäden aufnehmen, (7:58) weil der Gaza-Streifen nicht komplett zugänglich ist, nicht einmal für die lokalen Journalisten. (8:04) Die Satellitenbilder enthüllen auch, wie massiv Israel Artillerie und Bombardements aus der Luft einsetzt. (8:10) Letztere sind im Gaza-Streifen häufiger als in der Ukraine.
(8:13) Dabei fallen präzisionsgelenkte Bomben, aber auch ungelenkte 250- und 500-Kilo-Bomben, die grossflächig zerstören. (8:21) Offenbar eine gezielte Strategie. (8:24) Mit der Zerstörung ganzer Viertel zwingt die israelische Armee die Bewohner zur Flucht und kann die Flüchtenden dann filtern.
(8:31) Die Identität der Flüchtenden wird geprüft, die feindlichen Kämpfer unter ihnen werden ausgesondert (8:37) und die in den Ruinen Verbliebenen anschliessend aktiv aufgespürt. (8:42) Um die Hamas-Kämpfer aus ihren unterirdischen Stellungen zu zwingen, (8:47) hätte Israel auch den gesamten Gaza-Streifen besetzen und jeglichen Nahrungs- und Waffennachschub unterbinden können. (8:53) Dazu hat die israelische Armee aber nicht genügend Soldaten.
(8:57) Sie spürt den Feind deshalb mit Satellitenbildern auf, deren Auswertung erstmalig in diesem Krieg die KI übernimmt. (9:08) Künstliche Intelligenz ist hauptsächlich deswegen interessant, (9:11) weil sie in der Lage ist, sämtliche Daten aus sämtlichen Quellen zu fusionieren. (9:17) Die Daten kommen dabei einerseits von den Truppen am Boden, die laufend Informationen über ihre taktische Umgebung liefern, (9:24) andererseits von Flugzeugen und Satelliten am Himmel.
(9:28) Dazu kommen noch Daten aus weniger klassischen Quellen, wie etwa den sozialen Netzwerken. (9:34) Feindaufspürung im grossem Mass erfordert enorm viel Auswertungsarbeit. (9:39) Viel mehr, als allein mit menschlichen Fähigkeiten zu bewältigen ist.
(9:44) Je weniger Zeit menschliche Operateure haben, um ein potenzielles Ziel zu validieren, (9:48) desto mehr tendieren sie dazu, sich einfach auf die KI zu verlassen. (9:53) Das erhöht am Ende aber das Fehlerrisiko und die Kollateralschäden. (9:57) Dem palästinensischen Gesundheitsministerium zufolge wurden seit Kriegsbeginn fast 42.000 Menschen getötet.
(10:03) Der Kriegsschutt wird auf 40 Millionen Tonnen geschätzt. (10:07) Laut einem UNO-Bericht werden Räumung und Wiederaufbau im Gazastreifen wohl mindestens 15 Jahre dauern.