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Das Ende der US-Hegemonie?
Donald Trump ist in die Falle von Benjamin Netanjahu getappt. Was als strategischer Enthauptungsschlag gegen das Teheraner Regime geplant war, entwickelt sich nun zu einer globalen Wirtschaftskatastrophe. Der renommierte US-Politologe John Mearsheimer warnt: Luftmacht allein erzwingt keinen Regimewechsel – sie zerstört lediglich die Weltwirtschaft.
Der Nebel des Krieges ist dicht, doch die Konturen einer strategischen Niederlage der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) werden immer deutlicher. In einem aktuellen Gespräch mit dem Journalisten Chris Hedges zeichnet John Mearsheimer, Professor an der University of Chicago, ein düsteres Bild der Lage im Nahen Osten. Der Kern seiner Analyse: Die Trump-Administration habe sich auf ein Abenteuer eingelassen, für das es keine realistische Exit-Strategie gebe.
Der Köder und die Falle
Laut Mearsheimer habe der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu Jahrzehnte darauf hingearbeitet, die USA in einen direkten militärischen Konflikt mit dem Iran zu verwickeln. Während Vorgänger wie Obama, Bush oder Biden der israelischen Einflussnahme widerstanden hätten, sei Donald Trump «vollständig in das Wasser gesprungen».
Netanjahu habe Trump die Illusion verkauft, dass das iranische Regime fragil sei. Ein massiver Schlag gegen die Führung («Decapitation Strike») würde genügen, um das System zum Einsturz zu bringen. Mearsheimer bezeichnet dies als fundamentale Fehlkalkulation. Er betont, dass die Geschichte zeige: Luftangriffe führen fast nie zum Sturz einer Regierung. Im Gegenteil, die Bevölkerung rücke in der Regel unter dem «Rally-around-the-flag»-Effekt enger zusammen.
Die Ohnmacht der Luftmacht
Der Pentagon – das US-Verteidigungsministerium – habe intern stets vor diesem Szenario gewarnt. General Kaine, der von Trump aus dem Ruhestand geholte Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs (Joint Chiefs of Staff), habe den Präsidenten bereits vor Kriegsbeginn darauf hingewiesen, dass es keine tragfähige militärische Option ohne Bodentruppen gebe.
Mearsheimer zieht historische Parallelen zu Vietnam, Korea und dem Zweiten Weltkrieg. In Japan habe erst der Eintritt der Sowjetunion in den Krieg – und nicht die Atombomben allein – zur Kapitulation geführt. «Man braucht Stiefel auf dem Boden (Boots on the Ground), um einen Regimewechsel zu erzwingen», erklärt der Realist. Da eine Bodeninvasion des riesigen Iran jedoch ausgeschlossen sei, bleibe der US-Armee nur das wirkungslose Bomben aus der Distanz.
Irans «smarte» Strategie der Asymmetrie
Während die USA und Israel auf Eskalationsdominanz setzten, verfolge Teheran eine weitaus klügere Strategie. Statt die überlegene US-Flotte direkt anzugreifen, konzentriere sich der Iran auf die wirtschaftliche Infrastruktur der Region. Die Sperrung der Strasse von Hormus und Angriffe auf Entsalzungsanlagen in Saudi-Arabien oder Israel seien die eigentlichen Hebel der Iraner.
Dies löse einen Energiepreisschock aus, der die Weltwirtschaft in eine Depression stürzen könne. Mearsheimer gibt zu bedenken, dass die Golfstaaten wie Katar oder Dubai nun den Preis für ihre Allianz mit Washington zahlten. Sie seien zu «Magneten für iranische Raketen und Drohnen» geworden.
Schützenhilfe aus Moskau und Peking
Ein weiterer Faktor, den Washington unterschätzt habe, sei die Rolle von Russland und China. Beide Grossmächte hätten ein massives Interesse daran, die USA in einem langwierigen Konflikt gedemütigt zu sehen. Berichte über russische Geheimdienstinformationen und chinesische Radartechnologie, die dem Iran helfen, US-Tarnkappenjets zu orten, häufen sich.
«Russland und China betrachten die USA als einen unberechenbaren Elefanten im Porzellanladen», so Mearsheimer. Sie würden den Iran zwar nicht direkt militärisch unterstützen, aber durch Technologietransfer und Aufklärung sicherstellen, dass Washington keine schnellen Erfolge feiert.
Das bleiche Erwachen für Israel
Auch für Israel sieht die Zukunft laut Mearsheimer wenig hoffnungsvoll aus. Das Land verwandle sich immer mehr in ein modernes «Sparta» – ein Staat, der nur noch durch das Schwert lebe. Die ständige Kriegführung korrumpiere die liberalen Werte und vertreibe langfristig die eigene Bevölkerung.
Wenn der Iran nun verstärkt mit ballistischen Raketen und Drohnen auf israelisches Territorium ziele, gerate das Verteidigungssystem an seine Grenzen. Zudem bestehe die Gefahr, dass der Iran nun erst recht nach der Atombombe strebe, um sich dauerhaft vor dem «Tag-Team» USA-Israel zu schützen.
Eine Politik ohne Off-Ramp
Das grösste Problem der aktuellen Lage sei das Fehlen eines «Off-Ramps» – eines Auswegs aus der Eskalationsspirale. Da der Iran momentan am längeren Hebel sitze, habe Teheran wenig Anreize für Verhandlungen, es sei denn, die USA böten massive Zugeständnisse an: die Aufhebung aller Sanktionen und Reparationszahlungen.
Für Trump, der sich mitten im Wahlkampf für die Zwischenwahlen (Midterms) befindet, ist das eine politische Sackgasse. Er müsse einen Sieg verkünden, doch die Realität auf dem Schlachtfeld spreche eine andere Sprache. Mearsheimer schliesst mit der Warnung, dass dieser «Kreuzzug-Staat» USA im Begriff sei, nicht nur den Nahen Osten zu destabilisieren, sondern auch die eigene Verfassung und Rechtsstaatlichkeit im Inneren zu untergraben.


