freier denken
Das Magazin gegen Dummheit

Die perfekte Herrschaft
Das Versprechen des Neoliberalismus lautete Freiheit, doch das Ergebnis ist eine neue Form der Befehlswirtschaft. Im Magazin «Overton» analysiert Stavros Arabatzis, wie das Digitalkapital die Demokratie aushöhlt und warum der Sozialstaat die Herrschaft des Geldes eher sichert als bricht. Der Autor zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der die Bürger ihre eigene…
Der Neoliberalismus wird oft als Rückzug des Staates und Sieg des freien Marktes missverstanden. Stavros Arabatzis widerspricht dieser Sicht im Onlinemagazin «Overton» entschieden. Er argumentiert, dass moderne Tech-Konzerne wie Amazon, Shein oder Temu die Planung der Gesellschaft weit effizienter übernommen haben, als es jede sozialistische Planbehörde vermochte. Diese Unternehmen nutzen eine «algorithmische Vollstreckungsgewalt». Algorithmen beobachten das Verhalten der Menschen nicht nur, sie berechnen es mathematisch voraus. Indem sie Bedürfnisse gezielt ausbeuten, binden sie das Individuum in eine lückenlose, globale Logistik ein, die keinen Raum für Abweichungen lässt.
Der Befehl zur Selbstoptimierung
Kern der neoliberalen Ideologie ist laut Arabatzis ein paradoxer Befehl: «Befreie dich aus der Knechtschaft der Arbeit und werde ein anderer!» Er sieht darin eine «imperative Ontologie» – ein aufgezwungenes Sein. Anstatt echter Unabhängigkeit entstehe ein psychologischer Narzissmus, der zur totalen Selbstausbeutung führt. Wer ständig «kreativ», «singulär» und «eigenverantwortlich» sein muss, wird zum perfekten Rädchen im Getriebe des Kapitals. Figuren wie Donald Trump verkörpern für Arabatzis den Erfolg eines Systems, das das Individuelle und das Kollektive gleichermaßen abgetötet hat. Die Folge ist eine globale Gegenwelle des Autoritarismus, die eine «Faschisierung von unten und oben» vorantreibt.
Demokratie als bürgerliche Herrschaftsform
Besonders scharf kritisiert Arabatzis das gängige Verständnis von Demokratie als Gegenpol zur Tyrannei. Er bezeichnet sie als «perfekte Form bürgerlicher Herrschaft». Sie funktioniere deshalb so reibungslos, weil sie die Menschen gleichzeitig entindividualisiert und entpolitisiert. Algorithmisch gesteuerte soziale Medien und der mediale Mainstream erzeugen einen permanenten Zustand der Angst. Ob es die Sorge vor dem wirtschaftlichen Abstieg oder das Schüren von Feindbildern ist («der Russe kommt»): Die Strukturen nötigen die Bürger dazu, nur noch auf ihre private Absicherung zu blicken. Politische Teilhabe verkommt so zur reinen Verwaltung des Gegebenen.
Auch den Sozialstaat sieht der Autor kritisch. Unter Berufung auf den Pädagogen Freerk Huisken beschreibt er ihn als Instrument, um den Kapitalismus sozialverträglich zu halten. Der Sozialstaat behandle die «Opfer des Systems» lediglich so, dass sie für den Arbeitsmarkt tauglich bleiben. Er fungiert wie eine Reparaturwerkstatt für die menschliche Arbeitskraft. Damit ist das soziale Netz kein Sieg über die Macht des Geldes, sondern deren notwendige infrastrukturelle Absicherung.
BlackRock und die Ohnmacht der Wähler
Die reale politische Gestaltungsmacht liegt heute faktisch bei grossen Vermögensverwaltern wie BlackRock, Vanguard oder State Street. Diese bestimmen über Investitionen, Wohnraum und Infrastruktur. Das Paradoxe: Diese Machteliten erhalten oft indirekte Unterstützung durch die Bürger. Aus Angst um den eigenen Job, das Eigenheim oder die knappe Rentenanlage wählen Menschen Parteien, die exakt jene Strukturen fördern, die ihre Lebensgrundlagen langfristig zerstören. Die Demokratie wird so zu einem Selbstbedienungsladen für Tech-Oligarchen und Finanzjongleure, während die Wähler den Abbau ihrer eigenen Rechte mit ihrer Stimme besiegeln.
Die Diagnose des Bankrotts
Arabatzis kommt zu einem düsteren Schluss: Das Kapital gewinnt bisher immer, egal ob im Frieden oder im Krieg. Die bürgerliche Demokratie ist in seiner Analyse bankrott, weil sie die Herrschaft des Kapitals nicht begrenzt, sondern maskiert. Eine echte Befreiung setze voraus, die «verseuchte Mitte» der gesellschaftlichen Verhältnisse radikal zu dekontaminieren. Es gehe darum, das Gemeingut – die sozialen Beziehungen und die Ressourcen der Welt – dem Zugriff algorithmischer Imperative zu entziehen. Erst wenn Beziehungen an Humanität und Solidarität gewinnen statt an Profitabilität, entsteht eine Perspektive jenseits der Barbarei.

