Schmidlin, so Emmenegger, sei damals in die Mühlen der Politik geraten. Er und sein Kollege David Neuhold haben Schmidlins Leben rekonstruiert und den Fall in seinen zeitlichen Kontext gestellt, um zu verstehen, wie ein einfacher Mann wie er in die Fänge der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit geraten konnte.
Ein Kapitel des Artikels konzentriert sich auf Schmidlins Kontakte zu den Pietisten, einer protestantischen Bewegung, die sich in Privathäusern traf, um zu beten und über den Glauben zu diskutieren. Dieser Kontakt mit einer alternativen Form des Glaubens, gepaart mit seinem eigenen Bibelstudium, scheint eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung seiner ungewöhnlichen und für seine Zeit höchst umstrittenen religiösen Ansichten gespielt zu haben.
Die Tatsache, dass Schmidlin trotz eines früheren Vorfalls, bei dem er bereits von den Behörden verhaftet worden war, weiterhin Gebetskreise organisierte und seine Ansichten verbreitete, zeugt von seiner Hingabe an seine Überzeugungen. Der Historiker Neuhold wird in dem Artikel mit den Worten zitiert: «Er zeigt Innovationspotenzial, das er aber nicht gegen das bestehende Frömmigkeitsprofil ausspielt». Offenbar war sich Schmidlin seiner politischen Bedeutung nicht bewusst. Ihm ging es nur darum, nach seiner Interpretation des Christentums zu leben.
Dass Schmidlin schliesslich verhaftet und verurteilt wurde, lag laut Gupta vor allem an der wachsenden Unzufriedenheit von Kirche und Staat mit seinen Aktivitäten und am Verrat eines alten Freundes. Bei seiner Verhaftung fand man auf seinem Hof pietistische Andachtsliteratur und einen «falschen» Katechismus. Es folgte die Verurteilung und Hinrichtung Schmidlins, die Das Gupta als Folge politischer Machtkämpfe in Luzern darstellt.
Die reformierten Kantone der Schweiz waren im 18. Jahrhundert nicht weniger hart als die katholischen: 1782 wurde Anna Göldi vom protestantischen Rat von Glarus gefoltert und enthauptet – sie war die letzte Frau in Europa, die als vermeintliche «Hexe» ihr Leben lassen musste.
Doch diese Ära der Grausamkeit gegen vermeintliche Ketzer endete abrupt. Als 1798 französische Truppen in die Schweiz einmarschierten, führte dies zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen. Mit der Ausrufung der Helvetischen Republik wurden die Menschenrechte gesetzlich verankert. Die Schandsäule wurde gestürzt und Schmidlins Sohn Balthasar rehabilitiert.
Heute erinnert ein Denkmal an der Sulzig an «Joggi». Anton Schwingruber, ein Nachbar, hat viel dazu beigetragen, die Erinnerung an ihn wach zu halten. Sein Engagement ist umso bemerkenswerter, als er ehemaliger Regierungspräsident des Kantons Luzern ist – und damit Nachfolger jener Obrigkeit, die Jakob Schmidlin einst als Ketzer verbrennen liess.