Annäherung an die NATO
Eng verknüpft mit der sicherheitspolitischen Neuausrichtung ist die verstärkte Kooperation mit der NATO, etwa durch die Beteiligung an der europäischen Luftverteidigungsinitiative «Sky Shield». Linder betrachtet diese Entwicklung unter dem Aspekt der Glaubwürdigkeit. Zwar verletze eine technische Zusammenarbeit oder die Erhöhung der Interoperabilität das Neutralitätsrecht nicht direkt, solange keine Beistandsverpflichtung bestehe.
Dennoch warnt Linder vor den politischen Folgen. Eine zu enge Anbindung an ein westliches Militärbündnis könne dazu führen, dass die Schweiz von Drittstaaten nicht mehr als unparteiischer Akteur wahrgenommen werde. Er gibt zu bedenken, dass die Neutralitätspolitik stets darauf abzielen müsse, die Handlungsfreiheit zu wahren. Eine faktische Integration in NATO-Strukturen würde diesen Spielraum einschränken und die Schweiz im Falle eines Grosskonflikts in eine Zwangslage bringen.
Funktionale Bedeutung der «Guten Dienste»
Ein weiterer Punkt in Linders Analyse ist die Funktion der Schweiz als neutrale Vermittlerin. Er betont, dass die Glaubwürdigkeit für «Gute Dienste» massgeblich an die militärische Nichtteilnahme geknüpft sei. Als konkrete Beispiele lassen sich hier die Schutzmachtmandate anführen, welche die Schweiz seit Jahrzehnten wahrnimmt – etwa die Vertretung der US-Interessen im Iran oder der russischen Interessen in Georgien.
Linder führt aus, dass diese Rolle ein spezifischer Beitrag zur internationalen Stabilität sei. Würde die Schweiz ihre Neutralität aufgeben oder durch eine zu einseitige Bündnisnähe aushöhlen, verlöre sie die Kapazität, als neutraler Boden für Verhandlungen und als vertrauenswürdige Botin zwischen verfeindeten Staaten zu agieren. Diese Funktion sei moralisch und völkerrechtlich begründet.
Das Dilemma der Waffenexporte
Kritisch setzt sich die Analyse mit der Praxis der Rüstungsexporte auseinander. Das schweizerische Kriegsmaterialgesetz, das die Wiederausfuhr von Schweizer Waffen in Konfliktgebiete untersagt, sorgt international für Diskussionen. Linder macht deutlich, dass die Neutralität nicht als Deckmantel für wirtschaftlichen Egoismus missbraucht werden dürfe.
Aus einer verantwortungsethischen Perspektive müsse die Schweiz sicherstellen, dass ihre Neutralitätspolitik nicht die Verteidigungsfähigkeit angegriffener Staaten untergrabe, während sie gleichzeitig Geschäfte mit anderen autoritären Regimen tätige. Linder fordert hier eine konsequente Ausrichtung an humanitären Werten statt an industriepolitischen Interessen.
Solidarität statt Isolation
Linders Fazit lautet, dass eine neutrale Schweiz nicht isoliert sein müsse. Im Gegenteil: Die militärische Zurückhaltung verpflichte zu einer verstärkten humanitären Solidarität. Wenn sich der Staat nicht an Waffenlieferungen beteilige, müsse er bei der Hilfe vor Ort und beim späteren Wiederaufbau überproportional engagiert sein.
Der Text von Wolf Linder zeigt auf, dass Neutralität und Moral kein Widerspruch sein müssen. Eine «profilierte Neutralität» orientiere sich am Völkerrecht und an den Menschenrechten. Damit bietet Linder einen Wegweiser für eine Aussenpolitik, die ihre Eigenständigkeit bewahrt, ohne sich der globalen Verantwortung zu entziehen.